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Hans Christoph Binswanger: Die Wachstumsspirale. Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. Marburg: Metropolis-Verlag, 2006, 418 Seiten, 24,80 Euro; (ISBN 3-89518-554-X)
Es wäre Leichtsinn dieses Buch jedem ökonomisch „interessierten Laien“ zu empfehlen. Das Buch ist sehr anspruchsvoll und sollte nur demjenigen zum Lesen empfohlen werden, der mit den Grundzügen der Volkswirtschaftslehre bereits vertraut ist oder sich durch das Lesen von kurzen „Einführungen in die Volkswirtschaftslehre“ mit dieser Materie ein wenig vertraut gemacht hat.
Es ist zu beachten, dass die Volkswirtschaftslehre keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne ist, wie z. B. die Naturwissenschaft, deren Regeln und Erkenntnisse einer empirisch streng wissenschaftlichen Untersuchung standhaltenstandhalten müssen. Sie ist auch keine Geisteswissenschaft wie z. B. die Mathematik, die nur auf Axiomen aufgebaut ist.
Die Volkswirtschaftslehre bildet die ökonomischen Prozesse lediglich in Modellen ab, wobei sie von ganz bestimmten Annahmen ausgeht. Eine FalsifizierbarkeitFalsifizierbarkeit dieser Modelle ist im strengen Sinne nicht möglich, da die Ergebnisse und Annahmen sich nicht wie in einem naturwissenschaftlichen ExperimentExperiment bestätigen lassen können. Hinzu kommt, dass sich die Ökonomie in den letzten Jahrhunderten mehrfach verändert und transformiert hat. So bildeten sich historisch eigene Schulen, die später dann von der sich ständig veränderten ökonomischen Realität eingeholt wurden. Hinzu kommt, dass sich hinter diesen Modellen immer sozialpolitische Aspekte verbergen wie z. B. der „gerechten“ Verteilung. Oftmals dienten die entsprechenden Modelle in erster Linie zur Rechtfertigung bestehender ökonomischer Machtverhältnisse. Erst Karl Marx begann diese Verhältnisse im 19. Jahrhundert grundlegend zu kritisieren und entwickelte eine nach seiner Meinung „wissenschaftlich“ fundierte ökonomischen Theorie. Aber auch die Marx’sche Theorie ist nicht streng wissenschaftlich, da sie letztendlich ein deterministisches Modell im Sinne des dialektischen bzw. historischen Materialismus ist. Eine „Determiniertheit“„Determiniertheit“ historischer Prozesse ist nach dem heutigem Stand der Wissenschaft jedoch widerlegbar.
Binswanger erläutert in seinem neuesten Buch die grundlegenden Bestandteile der ökonomischen Theorien und beschreibt die einzelnen Schulen der Volkswirtschaftslehre sehr detailliert. Interessant ist z. B., dass sich nach Ricardo im 19. Jahrhundert die so genannte Arbeitswertlehre durchgesetzt hat, nach dem die menschliche Arbeit als einzig wertbildender Faktor der Produktion in Frage kommt. Ebenso haben sowohl Adam Smith als auch Marx die Arbeitswertlehre in diesem Sinne in ihren Theorien mit jeweils sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen aufgenommen. Binswanger bemerkt, dass selbst für Adam Smith der Faktor „Energie“ keine Rolle gespielt hat, obwohl in den Zeiten der Frühindustrialisierung UnmengenUnmengen an Steinkohle für die Bereitstellung der erforderlichen Energie benötigt wurden. Neben dem Faktor „Energie“ bezieht Binswanger in seinem Modell auch den „Naturbegriff“ ein, jedoch nicht nur in einem reduktionistischen Sinne von der Nutzung der Natur als „Rohstoff“ für die Verwendung und Verarbeitung menschlicher Bedürfnisse. Auch die möglichst schonende Nutzung der Natur durch den Menschen, wie sie in vielerlei politischen und auch wirtschaftswissenschaftlichen Diskussionen gefordert wird reicht Binswanger nicht. Vielmehr beschreibt er die Natur als „Wert an sich“, der auch ohne menschliches Zutun existiert. Die ökonomische Theorie von Binswanger – und das ist das Neue – verabschiedet sich vom anthropozentrischen Weltbild. Dagegen sprach Marx zum Beispiel im Hinblick auf den NaNaturbegriff, dass der Mensch die Natur „verbessern“ solle. Für Marx war die Natur an sich nicht gut genug, und er war von dem Glauben beseelt, der Mensch könne die vorhandene Natur gar verbessern. Ein Gedanke, der sicherlich auch von Theoretikern anderer „Glaubensrichtungen“ großen Anklang gefunden hat und heute noch findet. So ist beispielsweise der Glaube weit verbreitet, der Mensch könne durch Genmanipulation die Natur „verbessern“.
Auch in der sich später entwickelnden Theorie der Neoklassik spielt der Faktor „Energie“ keine Rolle. Auch wirtschaftliches Wachstum war in diesem Modell nicht vorgesehen. Vielmehr existiert in diesen Modellen ein statisches, ökonomisches Gleichgewicht. Wirtschaftliches Wachstum dagegen begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg in der ökonomischen Theorie eine Rolle zu spielen. Binswanger erklärt dies u. a. mit dem rasanten technologischen Fortschritt, der sowohl die Arbeitsproduktivität (Prozessinnovation) als auch die Erfindung neuer Produkte und Bedürfnisse (Produktinnovation) ständig vorangetrieben hat. Die „Imagination“ treibt nach seiner Ansicht die Marktprozesse in ein dynamisches Wachstum. Er spricht in diesem Zusammenhang auch vom „Wachstumsdrang“ und „Wachstumszwang“, der sich aus dem von Binswanger abgeleiteten Kapitalbegriff ergibt. Demnach verfügt der Unternehmer über ein vorschüssiges Kapital mit dem er bestimmte Produkte herstellen kann und absetzen muss. Das Wachstum wird notwendig aus der Unsicherheit der Unternehmen, ob die produzierten Waren auch tatsächlich abgesetzt werden können. Die Unsicherheit über die Zukunft ist der Auslöser für Wachstum, welches, wenn es denn tatsächlich realisiert worden ist, die „Zitterprämie“ für den nächsten Produktionszyklus ist. Aus dieser Logik ergibt sich ein Zwang zum Wachstum für jedes Unternehmen. Eine sehr wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch das heutige Finanzsystem. Denn ohne Ausweitung der Geldmenge, sei es durch Kreditvergabe oder dem Drucken von Papiergeld wäre eine Expansion der Volkswirtschaft gar nicht denkbar. Die „Geldillusion“ ist eine treibende Kraft in diesem Wachstumsprozess.
Das Wachstum der Wirtschaft wird in der heutigen wissenschaftlichen Theorie mit der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beschrieben. Binswanger schlägt vor, ebenso, wie es ein um die Inflationsrate bereinigtes Wachstum als „reales BIP“ ausgewiesen wird, ein um die Naturzerstörung bereinigtes BIP zu berechnen. Dabei lässt er offen, ob die durch den Menschen verursachten Schäden monetär oder lediglich qualitativ betrachtet werden sollten. Auch wenn Methodik und Berechnung sehr schwer umsetzbar erscheinen, so lässt sich diese Realität heute nicht mehr ausblenden und ist signifikant.
Summa summarum handelt es sich um ein kluges Buch der neueren Volkswirtschaftslehre und könnte einen Beitrag zum Paradigmenwechsel in der ökonomischen Theorie werden. Die aktuelle Finanzkrise zeigt nämlich, dass der Wachstumsprozess vielfach gestört ist und wirft die Frage auf, ob und welche Art von Wirtschaftswachstum überhaupt benötigt wird. Da über 80% der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur in Englisch erscheinen, ist es wohl ratsam auch dieses Werk in die englische Sprache zu übersetzen. Die heutige wirtschaftswissenschaftliche Diskussion und Forschung wird in erster Linie von der anglo-amerikanischen Welt angetrieben und beherrscht. Ein Paradigmenwechsel in der heutigen wirtschaftswissenschaftlichen Theorie steht kurz bevor und man würde eine historische Chance verpassen, wenn die Gedanken von Binswanger nicht auch in den anglo-amerikanischen Raum einfliessen würden. (S. Voss)
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