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Arne Næss (1912-2009) Der Vater der „Tiefenökologie“ ist gestorben
Der Mensch muß für sein Überleben die natürliche Umwelt umgestalten; muß er sie aber bezwingen, sie sich untertan machen? Zweifel kamen vor allem Anfang der 1970er Jahre auf. Das kam einer Zeitenwende gleich, an der die Vorsokratiker vermehrt entdeckt wurden - für ein breiteres Publikum auch von Herbert Gruhl etwa in seiner Anthologie “Glücklich werden die sein ... Zeugnisse ökologischer Weltsicht aus vier Jahrtausenden”. Der Mensch wird von den Vorsokratikern und den auf ihnen aufbauenden Denkern - im Gegensatz zum sonstigen neuzeitlichen philosophischen Denken - im Ganzen der Natur als ihr integraler Bestandteil begriffen. Unter den philosophischen Klassikern des 20. Jahrhunderts wird hierbei auch Martin Heidegger öfters aufgegriffen, der in seiner Spätphilosophie die menschliche Kulturleistung der Hege und Pflege betont und von einer Betrachtung frei ist, die in der Natur kaum mehr als eine Lagerstätte für den Menschen erblickt, die zur Produktionssteigerung beliebig geplündert werden kann. Das schließt eine Ablehnung des Materialismus als Garanten für Glück ein und legt Wert auf spirituelle Erfahrung, auf geistige und mußische Beschäftigung. Die Umwelt wird als Mitwelt Begriffen, der Anthropozentrismus aufgegeben oder zumindest stark relativiert. Diese Strömung firmiert heute unter der Bezeichnung „Tiefenökologie“. Dabei handelt es sich um die Übersetzung des Begriffs „Deep Ecology“, den der norwegische Philosoph Arne Næss 1973 in seiner Abhandlung „The Shallow and the Deep. Long-Range Ecology Movements“ verwendet.
Tiefenökologie ist eine radikalere Strömung der Umweltbewegung als ihr reformerischer Teil - der mit Gesetzesmaßnahmen und Umweltschutztechnik Symptombekämpfung betreibt - und wird dann auch „Radikalökologie“, „Revolutionäre Ökologie“ oder „Fundamentalökologie“ genannt. Es ist das bleibende Verdienst von Næss, mit „Tiefenökologie“ einen Begriff herausgearbeitet zu haben, der den Blick mehr auf die Sache als auf Aspekte lenkt, die durch emotionale Assoziationen belastet sind. Dies ist kein Zufall, denn Næss ist in Auseinandersetzung mit der Wiener Schule – ähnlich wie Karl Popper – zu einem Vertreter des logischen Empirismus in einer allerdings deutlich sprachphilosophischen Gestalt geworden.
Der am 12. Januar 2009 wenige Tage vor seinem 97. Geburtstag verstorbene Næss war Empiriker genug zu sehen, daß die Natur nur dann nicht rücksichtslos geplündert wird, wenn sie ihrer selbst wegen vor einer ungebremst wachsenden Weltbevölkerung und steigenden zivilisatorischen Pro-Kopf-Ansprüchen geschützt wird. Die Plünderung des Planeten schreitet seit den 1970er Jahren aber weiter voran, was dem reformerischen Umweltschutz Grenzen aufzeigt und dessen Vertreter immer mehr dazu drängen müßte, sich mit der Tiefenökologie zu arrangieren und sich mit Arne Næss eingehender zu beschäftigen.
(Volker Kempf, 14.01.2009)
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