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Tagung09

„Auf der Suche nach der Ehrfurcht vor dem Leben“

Bericht zur Jahrestagung 2009 der Herbert-Gruhl-Gesellschaft über Natur-, Tier- und Ungeborenenschutz

 

Die Herbert-Gruhl-Gesellschaft tagte zum Thema „Auf der Suche nach der Ehrfurcht vor dem Leben. Erfahrungen, Blockaden, Perspektiven“ Ende September 2009 in Marktheidenfeld in jenem Hotel, in dem im Juli 1975 der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegründet wurde. Dem BUND stand der Namensgeber der Gesellschaft bis 1977 vor. In dieser Zeit wurde die „Umweltdebatte“ intensiv geführt und von dem Verleger Heinz Friedrich vor 30 Jahren ein heute weitgehend in Vergessenheit geratenes Buch veröffentlicht, das den Titel „Kulturverfall und Umweltkrise“ trägt. Wie der Vorsitzende der Herbert-Gruhl-Gesellschaft, Volker Kempf, in seiner hiernach benannten Tagungseinführung deutlich machte, habe Friedrich „analog zu, aber nicht synchron mit den acht Thesen von Konrad Lorenz“ acht Grundforderungen aufgestellt. Der Ausgangspunkt sei die anthropologische Erkenntnis, daß Kultur ein „unabdingbarer Regulator und Moderator menschlichen Verhaltens“ darstelle, und damit der „Hauptfaktor der Humanität“ sei, ohne den die Überwindung der „Umweltkrise“ nicht gelingen könne. Ein Systemwechsel von der Marktwirtschaft zum Sozialismus sei von Friedrich als eine „Scheinlösung“ bezeichnet worden. Eine Stärkung der Kultur gegenüber dem Primat von Technik und Ökonomie sei unerläßlich, werde aber scheitern müssen, wenn die „Aufgabe einer drastischen Einschränkung der Bevölkerungsexplosion nicht bald und global erkannt und bewältigt“ werde – „weil die Menschheit an sich selbst ersticken wird.“ Dieser Punkt sei nach den 1970er Jahren aus dem Blickfeld geraten und stoße heute in Diskussionen meist auf Unkenntnis. So sei von Friedrich von einem „menschheitlichen Notstand“ gesprochen worden, so ähnlich auch von Herbert Gruhl 1991 in einem Interview, was nichts an Aktualität eingebüßt habe.

Besonders fundierte Überlegungen für eine „Denkwende“ biete im vorliegenden Zusammenhang Robert Spaemann etwa in seinen „Philosophischen Essays“ auf. In Zeiten des inflationären Gebrauchs von Schlagworten in der Politik seien sachgemäße Argumente um so wichtiger, solle die Wirklichkeit nicht verfehlt werden. Herbert Gruhl habe daher Spaemann an zentralen Stellen zitiert und die Herbert-Gruhl-Gesellschaft diesem Wink folgend Spaemann 2009 den Herbert-Gruhl-Preis zugesprochen, den dieser mit einem Dankesschreiben angenommen habe, in dem die große Wertschätzung von Gruhls 1975 veröffentlichtem Buch „Ein Planet wird geplündert“ erwähnt wurde.

Wie im folgenden Referat „Ungeborenenschutz. Erfahrungen, Blockaden und Perspektiven“ von Rainer Klawki deutlich wurde, steht es bezüglich der Ungeborenen um die Kulturleistung der „Ehrfurcht vor dem Leben“ schlecht. Denn Klawki verwies auf eine in den letzten 35 Jahren in der Gesetzgebung deutlich gewordene Liberalisierung der Tötung von Menschen im Mutterleib in. Die faktische Freigabe der Abtreibung sei als „Erbe der DDR“ für ganz Deutschland erfolgt – durch eine als „Beratungsschutzkonzept” etikettierte Regelung, die der Sache nach einer Fristenregelung mit Beratungspflicht gleichkomme. Heute habe die schwangere Frau kein strafrechtliches Schutzargument mehr, wenn der soziale Druck für eine Abtreibung auf ihr laste. Lediglich Spätabtreibungen seien in der jüngsten Vergangenheit politisch noch eingehend als problematisch thematisiert worden, nach dem ein abgetriebenes Kind, das heute Tim heiße, seine eigene Abtreibung überlebt hat. Kritisch angemerkt wurde in diesem Zusammenhang mit Blick auf die parallel zur Tagung stattfindende 1.000-Kreuze-„Marsch für das Leben“in Berlin, daß hier eine „Gesinnung“ demonstriert werde, aber kaum erkennbare Forderungen für rechtliche Änderungen deutlich würden. Dies beantwortete der Referent mit Hinweis auf die Vielzahl sehr unterschiedlicher Strömungen innerhalb der Lebensschutzbewegung.

Der langjährige Naturschützer und Arzt Götz Fenske sprach in seinem Referat „Gelähmte Riesen? Die großen Naturschutzverbände im Streit um eine ökologisch orientierte Politik“ von der „anthropologischen Konstante“ der „Achtung vor der Natur und dem Leben“. Der Mensch sei auf Schönheit in der Welt seelisch angewiesen, Natur- und Landschaftsschutz daher für den Menschen selbst von Bedeutung. Im Naturschutz fehle allerdings oft die unmittelbare Betroffenheit, da die Probleme räumlich und zeitlich oft weit gestreckt seien, so daß sie sich unmerklich vollzögen. Zwar zeugten die beeindruckenden Zahlen der Mitglieder von Umweltverbänden von der weiten Verbreitung eines Problembewußtseins für den Natur- und Umweltschutz, aber die geringe Aktivität der Mitglieder deute darauf hin, daß es ihnen mehr um eine Gewissensberuhigung durch Beitragszahlung gehe. Die Natur- und Umweltschutzverbände agierten eher behäbig. Erschwerend komme hinzu, daß in einer Welt von Optimisten die Rede über Naturzerstörung nur begrenzt ernst genommen werde. Über Natur- und Umweltschutz sei vor 30 Jahren bereits alles gesagt worden. Die Umweltdebatte habe zudem an „Kraft und Lebendigkeit verloren“, woran auch die vielen Fachbegriffe und Anglizismen ihren Anteil hätten.

Daß die Menschheit sich mit ihrer globalen Plünderung und ihrer beliebigen Ausnutzung von Tieren wie „pathologische Narzißten“ benehmen, machte der Mitweltethiker Peter Arras in seinem Vortrag deutlich, der da lautete: „’Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.’ Über die psychischen Ursachen des paradoxen Verhältnisses der Menschen zu ihren Mitlebewesen“. Arras fand faktisch zu einer Forderung Friedrichs zurück, der meinte, „anthropologische Aufklärung als Erziehung zu menschlichem verhalten anstelle pseudohumaner Phraseologie“ empfehlen zu müssen. Das heißt, über die bio-psychischen Entwicklungsbedingungen des Menschen müßte aufgeklärt und ihnen familienpolitisch entsprochen werden, was die aktuell betriebene Krippenpolitik für Kinder unter drei Jahren gerade nicht mache, was zu einem weiteren Kulturverfall beitrage. Die Kulturleistung des Erhalts der natürlichen Mitwelt und der Empathie gegenüber Mitlebewesen – einschließlich des Menschen – werde weiter schwinden. „Die Menschen müssen wieder artgemäß leben und in die Gesellschaft ihrer Artgenossen ebenso reintegriert werden, wie in die große Familie ihrer Mitlebewesen.“

M. Zippe

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