|
Originalfassung Übersetzung
Reflexionen zur Verleihung des Herbert-Gruhl-Preises an Antoine Waechter. Von Jean Fuchs*
Antoine Waechter war und ist einer der führenden Persönlichkeiten in der französischen Ökologiebewegung. 1994 brach die Partei der französischen Grünen auseinander und erlitt das gleiche Schicksal wie die Grünen in Deutschland Anfang der achtziger Jahre. Linksradikale Kräfte entdeckten das Ökologiethema für sich und vereinnahmten die Partei. Antoine Waechter wird zu den „bürgerlichen“ Ökologen gezählt. Wie aber definiert sich „bürgerlich“ in diesem Fall im politischen Sinne?
Antoine Waechter (Bild: H.-S. Strelow)
Als Antoine Waechter bei der Preisverleihung seine politische Position erläuterte, waren seine Ansichten gar nicht so „bürgerlich“ wie sich dies so manche Linke vorstellen.
Bereits im Januar 1998 veröffentlichte Antoine Waechter einen Artikel im Journal der ÖDP, ÖkologiePolitik unter dem Titel: „Die Rolle der Ökologen in unserer Zeit“.
Dort schreibt er unter anderem:
„Handel treiben, neue Länder erobern, die Erde beherrschen, materielle Güter anhäufen, viele Kinder haben – all das genügt nicht mehr dem Leben einen Sinn zu geben...“
Hier stellt Waechter gängige politische und gesellschaftliche Werte des Bürgertums in Frage.
Zur Positionierung des klassischen politischen Spektrums schreibt er: „Die materialistischen Weltanschauungen, aus denen sowohl die politische Rechte wie die Linke hervorgegangen sind, stehen am Ende ihrer historischen Bedeutung. Die Ökologie muß jetzt als Alternative in Erscheinung treten.“
Betrachten wir einmal die vorherrschenden politischen Strömungen genauer:
Die marxisistisch geprägte Linke bezieht ihr geschichtsphilosophisches Fundament vom dialektischen Materilismus, oder besser gesagt dem historischen Materialismus. Demzufolge geht die Menschheit deterministisch auf den Kommunismus zu. Diese Eschatologie verspricht am Ende auch eine Heilslehre (ohne Gott).
Ebenso materialistisch sind die Apologeten der Marktwirtschaft, die immer mehr den Neoliberalismus als Heilslehre für die Menschheit – zumindest im ökonomischen Sinne – definieren. Zwar wird hier nicht von einem „Endsieg“ des Neoliberalismus gesprochen, jedoch verspricht diese ökonomische Ideologie doch zumindest am Ende das Wohl Aller oder der größten Zahl.
Beiden Ideologien ist gemein, dass sie für sich beanspruchen „richtig“ zu sein und sie bekämpfen sich gegenseitig. Der ökologische Standpunkt behauptet dagegen von sich nicht einmal „richtig“ zu liegen, sondern hätte es viel lieber, wenn er sich irren würde! Leider belegen die Fakten eher, dass sich die ökologische Bewegung bislang nicht geirrt hat, aber sie hat mitnichten irgendeinen Grund dies als Triumph ihrer „Richtigkeit“ der politsichen Überzeugung zu feiern. Es wäre für die Menschheit viel besser gewesen, wenn sich die Einschätzungen dieser politischen Bewegung als grundlegend falsch erwiesen hätten. Leider hat sie sich nicht geirrt.
Wenn wir die heutige politische Bühne betrachten, so ist sogar zu bezweifeln, dass hinter diesen beschriebenen Ideologien noch tatsächlich politische Inhalte stehen. Vielmehr sind diese Ideologien nur noch leere Hülsen mit denen die Politiker von heute auf Stimmenfanfang gehen und es finden sich immer noch genügend Wähler, die diesen Politikern Glauben schenken. In Wirklichkeit erleben wir nicht nur eine „Umweltverschmutzung“ (ein verniedlichender Begriff der heraufziehenden globalen Katastrophe), sondern einen vollständigen Zerfall jeglicher moralischer und politischer Werte. In Wirklichkeit hat diese „Zivilisation“ keine Werte mehr. In Wirklichkeit reduzieren sich diese Werte nur noch auf elementare, vitale Kräfte. Dies ist nur noch die Gier. Die Gier nach Macht, die Gier nach Geld und die sexuelle Gier.
Die ökologische Bewegung behauptet von sich, dass dies ein Irrweg ist, der zum Untergang der Menschheit führen wird. Deren Geschichtsphilosophie ist offen, d. h. sie unterliegt keinen deterministischen Vorstellungen in dem Sinne, dass sich die Menschheit schon von selbst retten werde. Sie ist nur deterministisch in dem Sinne, dass ein Weiterverfolgen bisheriger wirtschaftlicher und politischer Maximen, gleich welcher Coleur, zum Scheitern verurteilt ist.
Dazu schreibt Antoine Waechter: „Die heutigen Machthaber suchen kurzfristige Rezepte, die Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum wieder ankurbeln sollen. Es kann ihnen nicht gelingen.“
Es kann ihnen schon allein deshalb nicht gelingen, weil exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt nicht möglich ist. Man muß kein mathematisches Genie sein, um diesen Zusammenhang zu verstehen. Dazu reicht auch Grundschulwissen aus.
Die Linke hat sich natürlich über Marx hinaus weiterentwickelt. Ein interessanter theoretischer Ansatz wäre die Bildung von neuen Normen und Werten in einer „herrschaftsfreien Kommunikationsgesellschaft“, wie sie von der Frankfurter Schule um Habermas, Adorno u. a. konzipiert wurde. Doch leider scheinen sich diese Gedanken in der linken Szene noch nicht ganz herumgesprochen zu haben. Zumindest sind diese Kräfte zum größten Teil nur machtorientiert und nicht an einer „Diskursethik“ interessiert.
Somit ist die Position der politischen Ökologie historisch betrachtet neuartig und gar nicht so „konservativ“ und „bürgerlich“ wie Viele glauben. Ich denke, es ist an der Zeit diese politische Position klar zu definieren und von den vorherrschenden Ideologien abzugrenzen. Sie kann jedenfalls nicht „bürgerlich“ sein in dem Sinne, das Bisherige einfach fortzuführen. Allenfalls ist Waechter ein klassischer Bildungsbürger, promovierter Biologe, umfassend gebildet und von dem Bemühen durchdrungen, die Zeit in Gedanken zu fassen und Verantwortung wahrzunehmen, was heute nur selten anzutreffen und daher besonders preiswürdig ist. (25.11.2007)
* Fuchs war Teilnehmer an der Tagung mit Preisverleihung, ist Mitbegründer der Partei Die Grünen (1980) und Autor des Buches Der grüne Verrat. Niedergang einer Vision (2005)
(Siehe auch: HGG-Mitteilung zur Preisverleihung 2007 + Pressespiegel 2007b)
|