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- Dem Leben unsere Stimme leihen -
Themenkomplex: Mitweltethik und Humanpsychologie
Hier: Vortrag auf der Jahrestagung der Herbert- Gruhl- Gesellschaft e.V.
vom 25. bis 27.09.2009 in Marktheidenfeld
Nuklearpsychologie und Mitweltethik
oder
Kann aus dem Täter Mensch ein menschlich Tätiger werden?
Über die psychischen Ursachen des paradoxen Verhältnisses
der Menschen zu ihren Mitlebewesen
Peter H. Arras
Ich grüße Sie herzlich und bedanke mich zugleich bei Herrn Volker Kempf für seine Einladung, hier vor Ihnen vortragen zu dürfen.
Vielleicht werden Sie sich fragen, wie der Vertreter einer Tierschutzorganisation dazu kommt, hier über die Psyche der Menschen zu sprechen und vielleicht erwarten Sie jetzt einen Vortrag, der primär über Tiere und ihr trauriges Los unter der Knute der Menschen handelt. Da müsste ich Sie heute leider enttäuschen.
Ich setzte inzwischen bei fast jedem Bürger voraus, dass er als Nutzer der Medien, des Internets und seiner angeborenen Sinnesorgane, bestens darüber Bescheid weiß, wie leidvoll es ist, in diese vom Menschen beherrschte Welt als Tier geboren zu werden. Niemand kann heute noch behaupten, er wüsste nicht, auf welche Weise Tiere weltweit ausgebeutet, versklavt, verfolgt und vernichtet werden. Seien sie nun freilebend oder in Käfigen gefangen, als Freiwild erklärt oder unter strengen Artenschutz gestellt – die Präsenz von 6,7 Milliarden Menschen, verstreut und geballt in allen Teilen und Winkeln der Welt, macht jedes Tier sprichwörtlich zu einer „vogelfreien“ Existenz.
Und mit den Tieren natürlich auch ihre natürlichen Lebensräume, die nicht minder vernichtet, geplündert und verseucht werden, als Nutzfläche annektiert, für Bebauung, Land- und Holzwirtschaft oder Müllhalde.
Dr. Herbert Gruhl war einer der allerersten Politiker, die das volle Ausmaß dessen erfassten, was man die systematische Plünderung eines Planeten nennt – ganz so, als sei es nicht unsere Welt, ganz so als seien wir Aliens, die nach vollendeter Un- Tat wieder zu ihrem Heimatplaneten zurückfliegen könnten.
Alle hier wissen bestens Bescheid, weitere Bestandsaufnahmen, Studien und Interpretationen sind hier nicht erforderlich. Natürlich gibt es mannigfache Vorschläge, wie man das globale Desaster, das ich Biozid nenne, entschärfen kann. Stichwort „Innovative Naturnutzung“: Diese leider im modernen Naturschutz am meisten etablierte Konzept bedeutet, dass Menschen der Natur nur dann ein Existenzrecht zuerkennen, wenn dies Menschen Vorteile erbringt. Die Wildtiere haben sich also im Schatten der Menschen um ihr „Weiterlebendürfen“ regelrecht zu prostituieren.
Das Problem, mit dem wir uns als Lebensschützer zu befassen haben, ist weniger das, was Menschen tun, als vielmehr, weshalb sie es tun. Nur wenn wir verstehen, weshalb der Mensch unvernünftig handelt, werden wir eventuell Lösungen entwickeln und umsetzen können.
„Sowenig wie unsere Mitmenschen „Ummenschen“ sind, sowenig ist unsere Mitwelt eine Umwelt. Weil aber für die meisten Menschen die Mitwelt nur eine Umwelt ist, gibt es so viele „Unmenschen“.“
Dieses Zitat stammt von mir selbst und verdeutlicht, was das eigentliche Problem ist: Die Sichtweise – auf uns selbst und auf das, was mit uns auf dieser Welt lebt. Hiermit wären wir auch schon im Themengebiet der Psychologie angelangt – es geht um die Welt in uns und um die Welt außerhalb von uns. Beide Welten bedingen einander. Ein ganz kardinales Prinzip der Individuationspsychologie, also der Lehre, die sich mit der Entwicklung zum Individuum befasst, lautet: Ich bekomme Aufschluss über mich selbst durch die Reflektion meines Umfeldes.
Der Mensch lebt in dem Glauben, das wertvollste Lebewesen auf Erden zu sein. Alle Religionen, Philosophien und Kulturen vermittelten dies – nicht nur das Christentum. Der Anthropozentrismus lehrt, dass der Mensch der Mittelpunkt allen Sein sei, und dass alle anderen Lebewesen und Gegenstände nur den Zweck hätten, vom Menschen genutzt und vernutzt zu werden. In diesem Geiste werden wir seit den Anfängen unserer Menschheitsgeschichte erzogen. Ist der Mensch deshalb auch ein selbstwertstarkes Wesen, ist er wirklich so selbstbewusst und von sich selbst überzeugt, wie es den Anschein hat?
Nein, keineswegs. Angst und Schrecken haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind, ein Wesen, das über alles und jeden Angst und Schrecken verbreitet – wie passt das zusammen? Die Psychopathologie kennt dieses Gesetz, das besagt, dass alle Gewaltverbrecher in ihrer Jugend zumeist selbst das Opfer von Gewalttaten waren.
Doch wir reden hier über eine ganze Spezies, nicht über einen einzelnen Patienten, mit dem sich Psychiater, Therapeuten und ggf. Kriminologen befassen.
Betrachten wir die archaische Entwicklung des Menschen, wird klar, dass es an ein Wunder grenzt, dass er überleben, und so weit kommen konnte, dass er es fertig brachte, sich zum Herrscher über alle Kreatur aufzuschwingen.
In der Frühzeit hatte die Menschheit nichts zu lachen. Im Vergleich zu den anderen, hochspezialisierten Lebensformen war der Mensch schwach, ohne angeborene Waffen, er konnte nicht sehr schnell rennen, nicht sehr gut klettern, keine Beute schlagen, und die meisten Pflanzen waren für ihn ungenießbar, eine konkrete ökologische Nische hatte er nie.
Anatomisch und physiologisch waren wir zum Überleben damals denkbar ungeeignet und gegenüber fast allen Feinden wehrlos. Unsere Vermehrungsrate war schlecht. Wir wurden opportunistisch, nutzten Gelegenheiten, etwas zum Fressen zu finden und kämpften mit Geiern und anderen kleineren Aasfressern oft um die Reste einer Beute, die der Säbelzahntiger übrig ließ.
Das Gefühl, das wir fast immer in uns spürten war Angst und Furcht, - ums Überleben, vor Fressfeinden, Konkurrenten, vor Unwettern, Dürren, Überschwemmungen, Gewittern und anderen Unbilden. Es war diese ständige Angst, die uns erfinderisch werden ließ, die uns lehrte, zu kooperieren, Trost und Wärme in der Gemeinschaft zu finden und uns gegenseitig Mut zu machen, gegen Feinde anzutreten, die so viel größer, stärker und spezialisierter waren, als wir selbst. Ohne diese ständige Angst hätten wir nie damit begonnen, zu denken und über uns selbst zu reflektieren. Und ohne dies hätten wir nie eine Kultur entwickelt, Rituale, Traditionen und Symbole, denn all diese Verhaltensweisen legten wir uns zu, um unsere Angst zu mindern. Vor allem der Glaube an Ahnen und Götter hatte nichts anderes zum Zweck, als uns zu trösten und Mut zu machen. Auch heute ist es doch noch so: Wir entwickeln uns nur, wenn uns die Not dazu zwingt – nur dann sind wir bereit, uns zu ändern, an uns zu arbeiten.
Was sollten unsere prähistorischen Vorfahren tun, wenn sie Hunger hatten und deshalb gegen den Mammut antreten mussten, ganz gleich, wie groß die Angst vor ihm auch war, denn der Hunger war größer. Sie fingen damit an, sich selbst zu autosuggestieren. „Wenn ich den Mammut an die Wand meiner Höhle male und mit meinem Speer auf ihn ziele und treffe, dann wird mir mein Gott auch morgen die Hand führen und meinen Speer ins Herz des Monsters leiten“ – so, oder ähnlich muss es wohl gewesen sein. Kennen wir nicht alle solche Tricks, die wir in unserem Leben angewandt haben, um Ängste zu kompensieren?
Der Mensch entdeckte schon sehr früh seine Fähigkeit, Phantasien, die er sich Kraft seines Großhirns machen konnte, zum Zwecke der Selbsttherapie einzusetzen. Die Phantasiebegabung macht den Menschen aus. Neben seiner Vernunftbegabung ist sie das eklatanteste Unterscheidungsmerkmal zu allen übrigen Tieren. Zugleich, und das ist das Fatale, prädestiniert uns unsere Phantasie zu potenziellen Psychotikern. Wir wissen es von KZ- Insassen und Kriegsgefangenen: Wenn es für einen Menschen keinen Ausweg gibt, dann wählt er die Flucht nach innen, in die Welt seiner Phantasie, dann schaltet er auf autistischen Modus, bis die Gefahr vorüber ist. Wenn sie nicht vorüber geht, wenn sie langanhaltend oder immer wiederkehrend ist, dann werden wir zu Tagträumern. Wer Phantasie besitzt, kann sich autosuggestiv in jeden Zustand begeben, den er sich wünscht und sich dabei wohl, groß, wertvoll, gefürchtet, sicher und allmächtig fühlen.
„Wenn der Bettelmann aufs Ross steigt, reitet er es zu Tode“
Diese alte Volksweisheit bringt auf den Punkt, worauf ich hinaus will. Der Mensch war die meiste Zeit seiner Geschichte das ungeliebte Kind von Mutter Natur – zumindest musste er sich so vorkommen. Doch aus dem Looser der Evolution wurde inzwischen das „Monster der Evolution“ (– so lautet ein Text aus meiner Feder, den Sie hier als Lektüre mitnehmen können). Oder wie sonst würden uns die Tiere nennen, wenn sie könnten? Der kleine Bettelmann im Schatten herrlicher, Furcht einflößender Riesen wie Großkatzen, Urrinder, Riesenelche, Mammuts und anderer Vorzeitgiganten, hat sich längst aufs Ross geschwungen, um es zu Tode zu reiten. Das Ross steht für unsere Mitwelt, insbesondere die Tiere, die Natur, ja die gesamte Biosphäre, die es nun galt, nieder zu zwingen. Denken Sie an die Siegespose des Großwildjägers, der selbstgefällig seinen Fuß auf den erlegten Tiger stützt und sich so fotografieren ließ. Denken Sie an Brasilien, das in den 70er Jahren Einwanderer warb, indem es zum Kampf gegen die „grüne Hölle“ - gemeint war der Regenwald - warb. Denken Sie an Kapitän Ahab, der den weißen Wal Mobby Dick jagt – voller Hass und Verachtung. Denken Sie an die gigantischen Bisonherden, die aus den fahrenden Zügen zum Spaß abgeballert wurden. Denken Sie an den Stierkampf und das Rodeo, beides noch heute erlaubt und für tausende Menschen faszinierend. Uns würden noch viele andere Beispiele einfallen.
Wäre die Menschheit ein Individuum und die Tiere eine Familie, dann wären wir der Psychopath, der Tyrann, der alle anderen in Angst und Schrecken hält, ohne dass es einen praktischen Nutzen für ihn hätte. Der imaginäre Nutzen liegt in der psychischen Ökonomie des Psychopathen. Denken Sie nur an Josef Fritzl aus Amstetten/ Österreich, der seine Tochter 24 Jahre in einem Keller zu seiner Verfügung hielt, und der augenscheinlich normal, ja liebenswert und freundlich von seinen Mitmenschen wahrgenommen wurde. Denken Sie an den Amokläufer von Winnenden, ein augenscheinlich braver, unscheinbarer Junge.
Die Psychologie ist die Lehre über die Angst.
Kinderschänder, Tierquäler und andere Gewaltverbrecher sowie Tyrannen sind Menschen mit ganz besonders viel Angst, die aus ihrer tiefsitzenden Selbstwertschwäche resultiert. Andere zu unterdrücken, in Angst und Schrecken zu halten oder gar sadistisch zu versklaven, hat zur Folge, dass die eigene Angst gelindert wird, denn es gilt, den seelischen Haushalt aufrecht zu erhalten und zumindest äußerlich funktionsfähig zu bleiben.
Wohlgemerkt: Diese Ängste sind ja nicht mehr authentisch begründbar, denn niemand ängstigt den Psychopathen. Seine Angst ist chronisch, charakterimmanent, sie stammt aus seiner Vergangenheit, vielleicht aus der prägungssensiblen Kindheit oder aus einem Kriegstrauma. Wäre seine Angst authentisch, dann würde er in dem Moment aufhören, Druck auszuüben, in dem er alle klein gekriegt hat und beherrscht.
Menschen, die ein falsches Selbstkonzept, z. B. das der Grandiosität, entwickelt haben, nennt man auch pathologische Narzissten. Narzissten sind Leute, die äußerlich betrachtet unglaublich von sich eingenommen sind. Es scheint, als seien sie davon überzeugt, die Besten, Klügsten und Wichtigsten zu sein, Kritik können sie nicht ertragen, sie reagieren auf sogenannte narzisstische Kränkungen so, als hätte man einen Anschlag auf ihr Leben verübt, wie der berühmte Analytiker Erich Fromm schrieb. Von früh bis spät machen sie sich das auch selbst vor, das Problem ist nur, dass sie es selbst nicht glauben, egal wie erfolgreich sie auch z. B. beruflich sein mögen. Viele Workoholiks sind Narzissten, ihr Engagement, ihr Fleiß, ihre Umtriebigkeit stellt quasi eine Flucht vor ihrem inneren Minderwertigkeitskomplex dar. Sie neigen zu vielerlei Begleitstörungen wie Kontrollsucht, Zwangsstörungen, Herrschsucht, Verlustangst etc.
Fällt Ihnen was auf? Die Menschheit verhält sich gegenüber der Mitwelt psychopathisch, narzisstisch und bezüglich der fatalen Folgen ihres Tuns autistisch. Der Homo sapiens, wie wir uns selbstgefällig bezeichnen, also der weise bzw. wissende Mensch, ist außer Stande, seinem Wissen gemäß zu handeln. Er weiß alles, aber er hat nichts begriffen – wie ist so etwas Paradoxes überhaupt möglich?
Sigmund Freuds hat festgestellt, dass wir nicht Herr im eigenen Haus seien, da wir keinen direkten Einfluss auf unser Unbewusstsein hätten. Seine Lehren vom Es, Ich und Überich sind bis heute in der Psychoanalyse etabliert und sehr gut dazu geeignet, das Wesen des Menschen zu begreifen.
Das „Es“ ist das Tier in uns, es hat Bedürfnisse und Ansprüche und verlangt, dass diese befriedigt werden. Jedes Kleinkind ist bis zum dritten Lebensjahr im Wesentlichen Es- konstituiert. Es möchte nicht teilen, es kennt keine Objektivität oder Intersubjektivität, keine Empathie, es ist ganz und gar auf sich selbst und die Quelle der Bedürfnisbefriedigung, nämlich (im Normalfalle) die Mutter, konzentriert zu der es eine symbiotische Beziehung unterhält. Es braucht seine Mutter, da es als Nest- und Tragling sonst unweigerlich sterben müsste. Freud nannte diese erste Prägephase die oralinfantile Phase. Wichtig ist, dass in dieser ersten Prägezeit nach der Geburt (postnatal) – es gibt nämlich auch noch die vorgeburtliche Prägephase (pränatal) – das Kind keinerlei Gewissen aufweist und deshalb insoweit wenig sozialkompatibel ist. Der Sitz des Es, bzw. unseres Unbewusstseins ist im Limbischen System unseres Mandelkerns angesiedelt, einem Gehirnareal, das wir mit allen Wirbeltieren gemeinsam haben. Dort sitzt auch die Amygdala, in der speziell Abwehrmechanismen bzw. Aggressionsverhaltensweisen auf bestimmte Situationen, die uns in der Prägezeit Angst eingeflößt haben, lebenslang abgespeichert sind. Man könnte diese Region auch als unsere „Festplatte“ bezeichnen, auf der die Software befindlich ist.
Erst ab der zweiten, der analen Prägephase, die ab dem dritten Lebensjahr beginnt, bildet sich das „Überich“, das bis zur letzten, der spätpubertären Prägephase reift und sich komplettiert – vorausgesetzt, dass das soziale und kulturelle Umfeld dies forciert. Das Überich entspricht unserer Gewissensinstanz, dort werden ethische Prinzipien abgespeichert wie Rücksichtnahme, soziale Regeln, Empathie, Skrupel bis hin zum Altruismus. Das Überich ist etwas typisch Menschliches und es hat seinen Sitz in einem Bereich unseres Gehirns, der bei keiner Tierart so steil ausgeprägt ist, nämlich hinter der „Denkerstirn“ im Frontallappen unseres Neokortex (= Großhirnrinde). Das Überich entspricht quasi dem Programm, das sich aber nur in unseren „Rechner“ schreibt, wenn die Software hierzu kompatibel ist.
Das „Ich“ ist der Außenminister unserer Seele – es ist die nach außen auftretende Instanz, die das, was Es und Überich intern ausgehandelt haben, vertritt und verkörpert. Das Ich repräsentiert den Charakter, die Persönlichkeit eines Menschen, die analog zur authentischen Welt entwickelt ist. Das Ich entspricht dem, was unser Computer an Möglichkeiten hergibt.
Beispiel: Ich habe Hunger – ist eine Reklamation des Es. Es gibt aber erst in einer Stunde etwas zu Essen – ist der Einwand des Überich. Es: Ich will aber jetzt schon essen – Überich: Essen während des Vortrages ist aber nicht erlaubt.
Das Überich ist das Verbindungsmodul zwischen den oft unvereinbar erscheinenden Gegensätzen in uns: Emotionalität und Rationalität, Wollen und Wissen, Verlangen und Verzicht, Ausnutzen und nützlich sein. Ohne ein gut entwickeltes Überich laufen Gefühle und Verstand in entgegen gesetzte Richtungen, arbeiten nicht mit, sondern gegeneinander. Ohne Überich sind wir auch als Erwachsene auf dem Stand eines Kleinkindes stehen geblieben, denn die Stärke des Es ist angeboren, die des Überich muss sich mühevoll ausbilden.
Erst das Überich macht uns zu Menschen und unterscheidet uns von den Tieren, denn es gewährleistet, dass wir auf authentische Situationen gemäß unserer Einsichten und unserer Reife nicht affektiv, sondern besonnen und berechenbar reagieren und dass Gefühl und Verstand kooperieren!
Was also, wenn unser Überich von unserem sozialen und kulturellen Umfeld nicht hinreichend oder falsch gestrebt wird, weil es seit Generationen nicht mehr erzieherisch weitervermittelt wurde?
In den Industrienationen und allmählich auch in den Schwellenländern sind die Menschen, die charakterlich auf dem oralinfantlien Niveau stehen geblieben sind und somit kein oder ein nur schwach ausgeprägtes Überich aufweisen, in der Überzahl. Der Überichmangel ist nicht nur an unserem verantwortungslosen Umgang mit Tieren, Natur und Mitwelt zu erkennen, sondern längst auch am Zerfall unserer psychosozialen Strukturen wie Familien, Ehen, Mutter- Kind- Bindungen, Freundschaften und andere archaisch codierte Sozialstrukturen.
Psychologen konstatieren, dass der antisoziale Charakter auf dem Vormarsch sei, da soziale Kooperation und somit Abhängigkeiten im Zeitalter des Individualismus zum Überleben nicht mehr zwingend seien.
Die völlige Schieflage menschlicher Beziehungen, seien sie nun innermenschlich oder zwischen-artlich, resultiert aus tiefgreifenden Charakterstörungen, die ihren ausschließlichen Ursprung in einer verfehlten Erziehung und Authentizierung in prägungssensiblen Phasen unserer Menschwerdung während der Kindheit und Jugend aufweisen.
„Das Bindeglied zwischen Tier und Mensch sind wir“, meinte Konrad Lorenz, und er hatte Recht.
Ich bin davon überzeugt, dass ein wesentlicher Bestandteil des von Erich Fromm so bezeichneten „Gesellschaftlichen Unbewussten“ Traumatisierungen enthält, die sich während der frühen Menschheitsgeschichte – also während der Kindheit unserer Spezies - schon in unserem Unterbewusstsein festgesetzt haben und erzieherisch (nicht genetisch!) an die jeweils nächste Generation weitergegeben wurde. Die Weitergabe unserer immanenten Angst vor Tieren und Natur, den Unbilden, die wir in der Prähistorie erleben mussten, und die sich noch heute in diversen Phobien vor bestimmten Tieren, Gewittern, der Dunkelheit etc. widerspiegeln, macht uns noch heute unbewusst vor, dass wir noch immer gegen die Mitwelt und ihre Wesen Angst haben und kämpfen müssten. Für viele ist der Begriff „wild“ gleichbedeutend mit „böse“.
In den 90er Jahren beschrieb ich drei Menschentypen, die ich Ihnen vorstellen möchte. Nachträglich stellte ich erfreut fest, dass Erich Fromm in seinem Buch „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ ebenfalls drei Menschentypen in ähnlicher Weise darstellt. Folgen Sie mir also auf eine kleine „Psychosafari“:
Der Animal rationale, kurz Anra, ist ein Tier, das auch noch denken kann. Er ist also Es- gesteuert, sein Verstand läuft quasi auf einem separaten Laufwerk und hat keinen unmittelbaren Einfluss auf sein Empfinden, Handeln und Entscheiden. Er kennt nur ein primitives Gewissen und steht somit auf der Stufe eines Tieres. Der Verstand wird zum Zwecke des Notbehelfs dann zugeschaltet, wenn essentielle Bedürfnisse zu befriedigen sind. Er dient dann lediglich pragmatischen Zwecken – Selbstreflektion gehört nicht dazu. Wenn man ihn in Ruhe lässt, bleibt der Anra ungefährlich und berechenbar, gliedert sich auch in Ökosysteme relativ harmonisch ein, führt soziale Beziehungen, hat auch Kultur, die aber für ihn und seine Mitwelt noch unbedrohlich bleibt – fühlt er sich jedoch in seinen egoistischen Interessen beeinträchtigt, dann wird er zum gnadenlosen Kämpfer. Die meisten Naturvölker waren vor der Kolonialisierung durch Europa wohl auf diesem Niveau.
In der Postmoderne ist er nur noch selten in Reinform anzutreffen. Zumeist gibt es Mischformen mit dem Hoper, und dem Hosa.
Der Homo sapiens, kurz Hosa, ist nach meiner Definition ein milieugemachter Autist, ein Savant, dazu fähig, enormes Wissen abzuspeichern, zu dem er aber keinen oder nur einen statischen, nur bedingt persönlichen und authentischen Bezug hat. Wie ein Savant ist er in der Lage, theoretisches Wissen aufzusaugen und wiederzugeben, er kann es jedoch nicht anwenden, weil ihm als Autist die Empathie und der authentische Bezug zur Außenwelt fehlen. Er ist wie dazu geschaffen, zu studieren, erfüllt alle gängigen Kriterien des etablierten Bildungs-, Leistungs-, und Wirtschaftssystems, macht Karriere, denn Skrupel und Gewissen hindern ihn nicht bei seinen Aktivitäten. Er ist intellektuell, aber gar nicht geistig. Der Hosa hat zu allem einen statischen, technokratischen Zugang. Er entwickelte Schlachten zu maschinellen Kriegen, betrieb die Kolonisierung der Welt, erfand danach den Kapitalismus, die Diktatur sowie die Scheindemokratie, annektierte fremde Kulturen, Natur und Tiere, die er technisiert ausbeutet und funktioniert alles nach seinen Vorstellungen um. Das Ergebnis seiner Bemühungen: Unsere heutige Welt. Fromm spricht vom „kybernetischen Menschen“.
Im Zuge dessen definierte ich dann auch den Soll- Menschen, den ich Hocoethnannte Homo cognoscens ethicus – der erkennende und ethisch handelnde Mensch. Er ist sowohl innermenschlich als auch zwischenartlich hoch sozialisiert, hat ein ausgereiftes Überich, das an die Stelle der bloßen Intellektualität des Hosas zusätzlich Spiritualität treten lässt. Seine Überlegenheit gegenüber anderen und andersartigen verknüpft er weniger mit Privilegien als vielmehr mit Verpflichtungen. Zuvorderst ist er authentisch, sensibel und gelehrsam. Als Erkenner hat er einen persönlichen Bezug zu allem Sein, denn er ist vor allem ein Praktiker. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, „wer, wenn nicht ich, wann, wenn nicht jetzt“ sowie „Das Leben ist heilig – die Wahrheit Gesetz!“ sind seine Maximen. Fühlen und Denken arbeiten bei ihm Hand in Hand, weswegen er nicht ambivalent, beliebig und fahrlässig ist. Da er aufgrund seiner Sensibilität, seines enormen Erkenntnishorizontes und seiner hohen Empathiefähigkeit dazu in der Lage ist, sich in fast jedes Wesen hineinzuversetzen, entwickelt er analog dazu den Altruismus, dessen Vervollkommnung er zu seinem Lebensinhalt macht. Die Bedürfnisse anderer stehen für ihn nicht unter seinen eigenen – eher darüber.
Seine Biophilie ersteht aus der geistigen Veredelung seiner mitfühlenden emotionalen Grundhaltung gegenüber allem Leben ohne Ansehen der Art. Das Ergebnis ist das, was Albert Schweitzer als „Ehrfurcht vor dem Leben“ bezeichnet hat. Ehrfurcht ist geistig veredelt, während Mitleid egozentrisch und deshalb affektiv und somit beliebig ist.
In der Koexistenz mit Anra und Hosa zieht er zumeist den Kürzeren, weil ihm seine Biophilie und sein entsprechendes Gewissen es verwehren, den anderen angemessen entgegenzutreten, weswegen er von diesen als Gutmensch verhöhnt und ins Abseits gedrängt wird. Obwohl er charakterlich, psychosozial und ökologisch die einzige humanoide Variante ist, die zu einer Reintegration in- und Koexistenz mit der Biosphäre fähig wäre, hat er kaum eine Chance, die Macht zu übernehmen und eine angemessen große Subpopulation zu bilden. Während die vorgenannten Vertreter lediglich ihre egoistischen Interessen zu wahren haben, sieht sich der Hocoeth wegen seines ganzheitlichen Horizontes gezwungen, intersubjektiv und interspezial zu handeln.
Würde er sich aber klar machen, dass mit seinem Überleben und seiner Behauptung Sein oder Nichtsein der gesamten Mitwelt unweigerlich verbunden ist, wäre er mehr als irgendein Menschentyp zuvor gefordert, um die Welt zu kämpfen und zu siegen. Zurückhaltung, Skrupel und Bescheidenheit, die ihm aufgrund seiner Geisteshaltung eigen sind, müsste er im Interesse bedeutenderer Ziele, nämlich den Schutz des Lebens, im erforderlichen Maße zurücknehmen.
Nur der Hocoeth verfügt über das notwendige Verantwortungsbewusstsein, Fachwissen und Einfühlungsvermögen, den Planeten ins Gleichgewicht zurückzuführen, Frieden mit allen Lebewesen zu schließen und Wiedergutmachung an der Mitwelt zu leisten.
Um seine Existenz auf Erden für alle nichtmenschlichen Lebewesen so unschädlich wie möglich zu gestalten, setzt er auf Hochtechnologie, reduziert die für ihn erforderliche Fläche auf ein Minimum, z. B. indem er Nahrung nicht auf Böden landwirtschaftlich anbaut, sondern in Biofermentern erzeugt. Er führt eine nachhaltige Bedarfsdeckungswirtschaft im Kreislaufsystem ein, beendet hierdurch die Plünderung des Planeten und schafft eine Globalregierung, die die Ansprüche der Nichtmenschen gleichrangig neben die der Menschen stellt.
Ich könnte noch lange über den Hocoeth reden, aber sicher werden Sie denken, dass der ohnehin keine Chance hat hochzukommen – zumal dann, wenn man den vierten Typus betrachtet, den ich erst vor drei Jahren nach meinen autodidaktischen Studien der Psychologie, Psychoanalyse und Psychopathologie mit Streifungen der Disziplinen Anthropologie, Soziologie und Geschichte beschrieben habe, der Hoper (Homo perversus).
Pervers heißt genau übersetzt „verdreht“ und meint hier ein charakteriologisches Phänomen, das schon Sigmund Freud aufgefallen ist. Er nannt es „Verdrehung der Libido- Aggressionsachse“ und meinte damit, dass das Verhalten des Menschen auf einer Achse angesiedelt ist, deren zwei Extreme an den jeweiligen Enden die Libido und die Aggression sei.
Bsp.: Wenn jemand geschlagen wird, reagiert er normalerweise spontan mit Aggression. Wenn jemand liebkost wird, reagiert er spontan mit Liebeserwiderungen und Friedfertigkeit.
Doch was, wenn diese Reaktion bei Menschen exakt entgegengesetzt sind? Dann haben wir es mit einem pervertierten Charakter zu tun.
Es gibt zwei Bücher, das eine handelt über das sogenannte Borderline- Syndrom, eine immanente und weit verbreitete emotionale Störung des psychotischen Spektrums. Man kann es auch als einen psychosozialen bzw. soziokulturellen Autismus bezeichnen. Das andere Buch handelt über die Zerstörung der Natur durch den Menschen.
„Wir töten, was wir lieben“ und „Ich hasse Dich, verlass mich nicht“.
Und jetzt raten Sie mal, welcher Buchtitel zu welchem Thema gehört?
Der Homo perversus hat keine authentische Beziehung, weder zu sich selbst, noch zu seinen Sozialgenossen wie Partner, Kinder, Nachbarn, Kollegen etc. und natürlich auch nicht zu Tieren und Natur.
Liebe, Nähe, Verständnis, Respekt, Mitgefühl hat er in seiner Kleinkindphase nie kennengelernt, stattdessen wurde er emotional, körperlich und oft auch sexuell missbraucht und misshandelt. Traumatisierungen und Fehlprägungen sind, wenn sie nicht unverzüglich therapiert werden, irreversibel und verzerren die Charakterstruktur des Betroffenen bis hin zur Verkehrung.
Wer nicht geliebt wurde, mit wem nicht verantwortungsvoll umgegangen wurde, der kann selbst auch nicht lieben und Verantwortungsbewusstsein entwickeln.
Je näher einem Menschen mit Borderline- Syndrom ein anderer steht, um so mehr wird er diesem Hass und Verachtung entgegenbringen. Der Borderliner weist eine nur sehr eingeschränkte Sozialität und Empathiefähigkeit auf, seine Beziehung zur Außenwelt ist stark eingeschränkt, da er auf dem Stand eines Kleinkindes stehen geblieben ist. Seine stets instabile emotionale Befindlichkeit, die aus mangelnder Individuation, Selbstwertschwäche, Selbsthass, Autoaggression, vor allem aber Destruktivität sowie Mangel an Affekt- und Impulskontrolle resultiert, macht ihn zu einem unkalkulierbaren Gegenüber. Multiple Perversionen, auch auf sexuellem Gebiet zeigen, wie tiefgreifend und vielschichtig diese Störung ist, die früher Präschizophrenie genannt wurde, m. E. aber eigentlich Paradoxie- Syndrom genannt werden sollte.
Die meisten Borderliner verfügen allerdings über einen sogenannten Als- ob- Modus, mit dem sie ihre innere Zerrissenheit, ihre innere Leere und ihre psychotischen Tagträumereien und destruktiv- sadistischen Phantasien vor Dritten erfolgreich zu tarnen verstehen. Ihr falsches Ich bzw. Selbst (nach Kohut), also die nach außen tretende Instanz, erhält ihre Impulse aus dem Es. Dort, wo sich bei Normalen das Überich befindet, hat sich ein Als- ob- Generator gebildet. Borderliner sind als Autisten hervorragende Beobachter und Imitatoren und können überzeugender Mitgefühl, Verständnis, Sympathie, Freude, Leid und Einsicht heucheln, als dies ein Normaler in authentischer Weise zeigt. Sie funktionieren im Alltag gut, sind in allen Gesellschafts- und Bildungsschichten angesiedelt und fallen kaum negativ auf. Sobald sie aber sozial in Anspruch genommen werden, entlädt sich ihre Ambivalenz, innere Zerrissenheit, Antisozialität – oft durch Mangel an Affekt- und Impulskontrolle. Als Mütter/Eltern sind sie oft sogar überbehütend, halten an der symbiotischen Beziehung zu ihren Kindern fest und hindern diese an ihrer Individuation. Mit Getue überspielen sie ihre Unfähigkeit, echte Liebe zu geben und zwängen ihre Kinder in ein subtiles Korsett.
Besonders häufig sind sie paradoxer Weise in sozialen Berufen anzutreffen, denn ihre Selbstwertschwäche benötigt das noch defizitärere Gegenüber, um sich gesund und komplett zu fühlen und um das vertikale Gefälle (sie oben, die anderen unter ihnen) aufrechtzuerhalten. Man findet sie unter Ärzten, Pflegern, Psychiatern, Psychologen, Therapeuten aller Art, Lehrer, Pfarrer, Anwälte, Richtern, Beamte, Politikern und natürlich bei den Medien als Sänger, Künstler, Models, Entertainer, Schauspieler. Da sie emotional infantil sind, sind sie auch Spieler, die den Thrill und das Geld lieben. Deshalb sind sie auch unter den Managern, Bankern, Maklern und Börsenbrokern zu finden. Sie bevorzugen gesellschaftliche Nischen ganz oben oder ganz unten. Ganz oben hat man Narrenfreiheit, ganz unten ebenso, denn wer stellt schon Anforderungen an einen Penner oder Asozialen? Mischformen zwischen Hosa und Hoper sind eher in höheren Schichten, Anra- Hoper- Varianten mehr in der Unterschicht angesiedelt.
Eine Richterin im Ruhestand, Mutter zweier Töchter, die beide Borderlinerinnen sind, sagte einmal zu mir: „Wenn es auf der Welt gerecht und friedlich zuginge, wäre das doch langweilig.“
Die andere große Gruppe der Hopers leidet an pathologischem Narzissmus, den ich eingangs schon etwas dargestellt habe.
Die Waffen des Hoper dienen ihm vor allem zur Aufrechterhaltung seiner narzisstischen Firewall. Sie bestehen beispielsweise aus Ignoranz in Verbindung mit Arroganz. So ist er fast nie bereit, auf einen Kritiker einzugehen, ihm zuzuhören, sich auf einen vernünftigen und klärenden Dialog einzulassen und seine Position, Entscheidung, Handlung zu verantworten. Indem er auf Fragen nicht antwortet – nicht weil er nicht will, sondern weil er nicht kann, ohne sich eine Blöße zu geben - tut er so, als habe er eine Rechtfertigung nicht nötig, wird polemisch, zynisch und sarkastisch oder aber cholerisch, despotisch, beleidigend und verdreht die Tatsachen. Wenn der Kritiker nicht nachgibt, beruft sich der Hoper auf sein Recht, nicht antworten zu müssen, das er mit „Meinungsfreiheit“ und Individualität rechtfertigt, was der Kritiker gefälligst zu respektieren habe, da er ja sonst intolerant wäre und von missionarischem Eifer getrieben sei. Sehr gerne bricht der Hoper mit Leuten, indem er sie verlässt, sie hinauswirft, sie totschweigt, sie bei Dritten verunglimpft, indem er Gerüchte verbreitet, die das Ansehen des Kritikers schmälern. Sehr gerne unterstellt er seinen Kritikern exakt jene defizitären Charaktereigenschaften, die ihm selbst zueigen sind und die es ihm als exogenen Autisten verbieten, tiefere Einsichten in komplexe Sachverhalte und Fragen – vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich – zu nehmen. Wer „cool“, also introvertiert, kalt, gleichgültig und sich „gelassen“ gibt, gilt als „in“, professionell und stark. In Wirklichkeit ist es die schlichte Unfähigkeit zum Mitgefühl, zum Einfühlungsvermögen und zu der Fähigkeit zu erfassen, was der Kritiker von ihm eigentlich will. Ergebnis ist fast immer, dass der Bock sich zum Gärtner erhebt und der Gärtner als Bock davongejagt wird. Mithilfe des Einsatzes der Subtilie manipuliert der Hoper seine Artgenossen und oft leichtgläubige Hosas und Anras, indem er ihnen geschickt die Tatsachen verzerrt darstellt und ihnen narzisstische Schmeicheleien/ Belohnungen verspricht, wenn sie zu ihm halten.
Beispielsweise sind viele Narzissten mit und ohne Borderline- Niveau auch in der mir wohlbekannten Tierschutzszene anzutreffen, vor allem fallen sie dort durch ihre Exzentrik, ihre beliebige Emotionalität (meist Gefühlsduselei, Unbeherrschtheit, Dünnhäutigkeit) und mangelnde Vernunftorientierung auf. Denn wer sich einen biophilen Anstrich gibt (ich schütze Tiere, also bin ich ein guter Mensch – etwas Besseres), kann seine Destruktivität besser verbergen. Seit drei Jahrzehnten beobachte ich diverse Phänomene in dieser Szene, der ich notgedrungen angehöre. Bevor ich mich mit der menschlichen Natur wissenschaftlich befasste, wunderte ich mich permanent über so mache Begebenheit und Verhaltensweise, die ich nicht einordnen konnte. Unter der emotionalen bis überkandidelten Fassade der meisten Tierschützer verbirgt sich etwas Kaltes, Ignorantes und stets Feindseliges, woraus sich auch die Streitereien untereinander erklären lassen. Sehr oft geht es gar nicht um die Tiere und deren Bedürfnisse – der Tierschutz dient vielen nur als Projektionsfläche ihres eigenen falschen Selbstkonzeptes. Es geht um Macht, Rechthaberei, Intrigen und narzisstische Selbstverwirklichung. Die meisten Tierschützer sind starr, entwickeln sich nicht weiter und zeigen keine hinreichende Bereitschaft bzw. Interesse, sich z. B. mit Tierkunde eingehend zu befassen, um hieraus ihre Forderungen abzuleiten. Über den Tellerrand ihrer vermeintlichen Zoozentrik gehen sie so gut wie nie hinaus. Neue oder weiterführende Forderungen und Strategien werden als störend und lästig empfunden und schon im Vorfeld abgewürgt nach dem Motto: „Störe meine/unsere Kreise nicht“. Vernünftige Argumente scheitern oft schon an der mangelnden Bereitschaft/ Fähigkeit, sie gedanklich nachzuvollziehen – vielmehr vertraut man auf die eigenen Affekte und Impulse, die sich aus Gekränktheit generieren, die dann fälschlicherweise als „Intuitionen“ hochstilisiert werden.
Die beschriebenen Charakterstörungen sind nicht wirklich ein Phänomen der Moderne, sie traten in allen (Hoch)Kulturen auf, die kurz vor ihrem Ende standen.
Borderline- Charakterstrukturen und Narzissten gibt es in verschiedensten Variationen, sie sind so vielfältig, wie es auch gesunde Charaktere gibt – nur die wenigsten werden Fälle, mit denen sich Justiz, Strafvollzug und Psychiatrie zu befassen haben.
Der klinische Psychologe Eric Merz beschreibt das gesellschaftsimmanente Borderline- Phänomen in seinem Buch „Borderline – weder tot noch lebendig – über die subtile Hölle des neuen Menschen“ sehr anschaulich. Er spricht von Zombiismus und Vampirismus sowie von Hitlerismus. Vor allem beschreibt er, wie diese Menschen andere emotional regelrecht parasitieren und nervlich auszehren. Dies jedoch weniger mit offensiven Methoden – vielmehr auf unmerkliche, weil subtile Weise. Angehörige von Borderlinern reagieren darauf unbestimmt, oft depressiv und glauben, dass sie selbst ein emotionales Problem hätten. Andere reagieren mit Verhaltensweisen, die man eigentlich dem Borderliner zuschreibt – es kommt zu Gegenübertragungen. Kinder von Borderlinerinnen entwickeln z. B. das ADHS- Syndrom (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom), das bei einer Umfrage unter Eltern als die dritthäufigste „Kinderkrankheit“ genannt wurde, und das als Vorstufe psychotischer Pathologien der Adoleszenz gilt.
Unsere Gesellschaft befindet sich – wie nie zuvor – in einem sozialen Zersetzungsprozess. Der Individualismus hat sozial unverträgliche Formen angenommen, in denen Eheleute und Paare miteinander mehr konkurrieren, als kooperieren, in der Mütter in ihren eigenen Kindern eine Bedrohung sehen bezüglich ihrer Freizügigkeit, Selbstbestimmtheit und ihres Karrierestrebens.
Und immer häufiger hören wir, dass Kinder misshandelt, missbraucht, gequält und umgebracht werden – von ihren eigenen Müttern/ Eltern. Und die Zahl der Amokläufe in Schulen nimmt rasant zu.
Menschen mit Mangel an Individuation brauchen ständig Reize von außen, um nicht in sich selbst abzudriften, um nicht in den bodenlosen Schlund ihrer inneren Leere zu fallen. Der Kapitalismus passt zur Subpopulation der charaktergestörten Menschen wie ein Schloss zu seinem Schlüssel. Dasselbe gilt für die Medienlandschaft, der omnipräsente Medienpool bestehend aus Filmen, Computerspielen, Internet, Radio und Werbung, wohin man blickt. Dort wird dem Hoper auch all das geboten, was seine perversen Neigungen bedient und befriedigt. Der ständig empfundene Minderwertigkeitskomplex stiftet den Hoper dazu an, zu konsumieren, „up to date“, „in“ und „taff“ zu sein. Er definiert seinen Wert über das, was er sich leisten kann und ist das ideale Pendent zum Kapitalismus, denn er konsumiert artig, damit die Wirtschaft floriert. Und die Politik schafft der Antisozialität des Hopers ein Refugium und eine Brutstätte zugleich, (Kindergrippen für unter Dreijährige, Lockerung des Scheidungsrechts, Weigerung, das Internet bezüglich perverser Filme und Fotos zu reglementieren - Stichwort Pädophilie) etc., das ihn sozial immer mehr entkoppelt und seine Interessen hin zum Konsum und zur Steigerung des Bruttosozialproduktes lenkt.
Doch wie konnte es zu einem derartigen Anstieg der Hoper- Population, im „Zeitalter des Narzissmus“ (Christopher Lasch), zum rapiden Anstieg der gesellschaftlichen Dekadenz kommen?
Sicher ist, besonders was unser verfehltes Verhältnis zu unserer Mitwelt betrifft, das von mir schon genannte Urtrauma aus der Frühgeschichte der Menschheit verantwortlich. Hinzu kommen aber auch zahlreiche Kriege, die die Menschen traumatisiert/en, und die diese Störung an ihre Nachkommen über Generationen weitergegeben haben/werden – durch Prägung und Erziehung.
Besonders die zurückliegenden beiden Weltkriege haben sicher einen ganz wesentlichen Anteil an der heute bestehenden Hoper- Situation. Psychotraumatisierungen der Massen wirken wie Radioaktivität noch lange nach der Explosion und dem Fallout nach – über ihre Halbwertszeit ist nichts bekannt, geschichtlich kann aber erfasst werden, dass der kollektive Destruktivitätsspiegel über Jahrzehnte ansteigt und sich dann erneut in Kriegen, Unruhen, Terror, Revolutionen entlädt, woraufhin erneut die Massen traumatisiert werden, was sich dann in deren Nachkommen fortsetzt.
Unsere genetische Prädestination zur Psychose besteht sicherlich darin, dass wir als Menschen mit einer Begabung ausgestattet sind, die in der Geschichte des Lebens in dieser Form einmalig ist – unsere enorme Prozessorleistung in Verbindung mit dem gigantischen Datenspeicher unseres Neokortex. Dies kann uns die Erkenntnis der Wahrheit eröffnen, prädestiniert uns zu geistigen Quantensprüngen. Aber sie birgt eben auch die verhängnisvolle Fähigkeit in sich, uns von der Außenwelt abzutrennen, indem wir uns in Phantasien und Wahnvorstellungen verlieren und nicht mehr zurückfinden, was gerade auch durch virtuelle Sphären, wie sie heute im Informationszeitalter alltäglich sind, begünstigt wird.
Wir können nicht erwarten, dass diese Menschheit in der zu Gebote stehenden Geschwindigkeit das Ruder ihres Wirkens gegenüber der Mitwelt herumreißt, weil sie die hierzu erforderliche Charakterstruktur nicht aufweist. Solange wir unsere innermenschliche Ethik immer mehr demontieren, solange können wir erst recht nicht sozial und rücksichtsvoll mit Tieren und Natur umgehen.
In den 70er und 80er Jahren sah das noch anders aus. Damals hatten wir noch die Möglichkeit, eine andere Richtung einzuschlagen – doch wir sind völlig falsch abgebogen und merken es trotz massiver globalweiter Probleme (Überbevölkerung, Schwellenländer, zunehmende Industrie, zunehmender Konsum, Klimakatastrophe, Artensterben, irreversible Naturzerstörung wie Rodung der Wälder, Plünderung der Meere, massenhafte Tierausbeutung etc.), nicht. Die Menschen sind diesbezüglich gleichgültig geworden, so gleichgültig wie sie gegenüber dem Wohl und der Entwicklung ihrer eigenen Kinder sind. Sie werden materiell satt, fett und somit faul gehalten. Niemand geht noch groß auf die Straße, die Entsolidarisierung schreitet fort. Wir brauchen kein Regime, das uns Ausgangssperren und Versammlungsverbote verhängen, wir bleiben „freiwillig“ zuhause, vorm Fernseher, Computer etc. denn dort erleben wir all das, was uns die schnöde Wirklichkeit ohnehin nicht zu lassen scheint – ein Held, ein Unbesiegbarer, ein Herrscher, ein Superstar, eine Schönheit zu sein. Die Menschheit war zu keiner Zeit manipulierter und unfreier als in der Postmoderne! Die Vielfalt der Angebote wirkt sich nicht befreiend, sondern lähmend auf den Bürger aus, der hierdurch um jede Möglichkeit zur Achtsamkeit gegenüber sich, seinen Sozialgenossen und der Mitlebewesen systematisch gebracht wird. Psychosozial verhungern wir quasi vorm vollen Fressnapf.
Quantität ist der größte Feind der Qualität.
Deshalb schaut man weg, wenn Unrecht geschieht, egal ob an einem Menschen, einem Tier oder dem ganzen Planeten. Und wenn man, wie Dominik Brunner aus München, sich einmischt, kann das mit dem Tode enden.
Und der Ausweg?
Das Ende der Menschheit wäre das Ende des Lebens – wir würden alle mit in unser Grab ziehen.
Wenn wir geboren werden, dann sind wir nicht gut und nicht schlecht, wie wir werden entscheidet im Wesentlichen unsere Genese in der sozialen Interaktion und Integration.
Aber dennoch kommen wir nicht als leere Hüllen zur Welt. Denn selbst unter dem, was wir an pränataler Prägung im Bauchhirn der Mutter an psychischer Konfiguration bereits erfahren haben (man forscht daran, aber es ist schwer, weil man Neugeborene nicht fragen kann…), ist noch etwas darunter, nämlich der „archaische Nukleus“ – der angeborene, also genetischcodierte Kern unserer Psyche, der „innere Primat“. Wir entstammen hochsozialen Vorfahren, den Affen, und diese Gene stecken in uns – sie können nicht traumatisiert, verdreht oder gar zerstört werden. Die Heilung des Charakters könnte aus unserem eigenen Inneren, aus dem „Zellkern“ unserer Psyche erfolgen – ganz so, wie wir dies auch bei körperlichen Krankheiten kennen.
Wir müssten einen Weg finden, den inneren Affen durch gesellschaftliche Umstrukturierungen zu aktivieren und da habe ich als Betreiber einer Tierschutzstation für Exoten und Wildtiere einige Erfahrungen mit Tieren gesammelt:
Wenn wir einen Papagei bekommen, der Jahrzehnte einzeln in einem kleinen Käfig sitzen musste, dann haben wir einen milieugemachten Autisten vor uns, der vor nichts mehr Angst hat als davor, sein Gefängnis verlassen zu müssen. Nicht etwa sein Halter, der ihn alleine gehalten und eingesperrt hatte, der ihm sein Leben geraubt und ihn seelisch verkrüppelte, ist in seinen Augen ein Schinder, sondern ich bin es, da ich ihn mühsam aus seinem Käfig herauszwingen muss, in dem er fast festgewachsen ist. Wir bringen ihn in unsere Tropenhalle, setzen ihn in eine Voliere in Sichtweite zu den anderen Vögeln, die im Schwarm zusammen sind. Plötzlich ist alles so groß, so laut, so hell, so hektisch – es braucht Wochen, manchmal Monate, bis der Autist aufwacht und irgendwann mal auf die vielen Rufe der anderen reagiert, indem er ihnen mit einem Laut antwortet. Ab da geht es dann von Tag zu Tag rascher, denn der in diesem Autisten vergrabene Urwaldvogel erwacht allmählich, zeigt Interesse an den anderen, entwickelt eine Papageiensprache, geht selbst ans Trenngitter, um näher am Geschehen und den anderen dran zu sein, klettert herum, sucht Kontakt und wird von uns dann, wenn es an der Zeit ist, in die Gruppe integriert.
Dasselbe haben wir auch mit anderen sozialen Tierarten fertig gebracht. Es waren diese Erfahrungen mit Tieren, die mich darauf brachten, eine neue psychologische Disziplin zu begründen, die
Nuklearpsychologie, eine Brücke zwischen Ethologie (Verhaltensforschung) und analytischer Psychologie.
Die Menschen müssen wieder artgemäß leben und in die Gesellschaft ihrer Artgenossen ebenso reintegriert werden, wie in die große Familie ihrer Mitlebewesen – und dies so früh wie möglich. Dies ist meine Vorstellung von frühkindlicher Bildung und nicht etwa das, was derzeit politisch diskutiert wird, nämlich, wie man sie noch besser für das System abrichtet.
Stellen Sie sich mal vor, wir würden einen Außerirdischen finden, der bei uns abgestürzt ist, und wir würden ihn nach seinem Heimatplaneten fragen. Was würden wir wohl von ihm wissen wollen? Wo ist dein Planet, wie viele Planeten hat dein Sonnensystem, wie viele gibt es von euch, welche Arten leben auf eurem Planeten und wieviele, aus was besteht die Atmosphäre, wie ist Eure Welt beschaffen etc. Würden wir ihm glauben, wenn er uns kaum eine Frage beantworten könnte? Wer von uns könnte denn diese Fragen beantworten, wenn er von Aliens entführt und befragt werden würde?
Wir haben keine Beziehung zu der Welt, die uns hervorgebracht hat, die somit unsere Mutter ist und wir haben keine Ahnung von unseren Geschwistern.
Es gibt Fremdsprachen auf den Schulen, aber kein Fach, das uns das Miteinander mit und den Respekt vor unseren Mitlebewesen lehrt.
Doch schon weit vor der Schulzeit müssen wir psychagogisch (die Lehre von der Erziehung) und nicht pädagogisch (die Lehre von der Wissensvermittlung) auf die Tatsache hin authentiziert werden, dass wir diese Welt mit Millionen anderen Lebensformen und unzähliger Individuen teilen.
Der Mensch muss begreifen, dass er nicht mehr in der Steinzeit lebt und deshalb nicht mehr gegen die anderen Spezies kämpfen, und sie nicht mehr unterjochen muss. Und er muss begreifen, dass er vor dieser Welt nicht in eine surreale Sphäre virtueller oder psychotischer Art fliehen muss, denn sie ist nicht mehr unser Gegner, sondern unsere Heimat, die uns jene Sicherheit, Geborgenheit und Kontinuität geben kann, nach der wir uns alle im tiefsten Inneren sehnen.
Psychopathen und Straftäter werden oft dadurch erfolgreich therapiert, dass man sie mit sozialen, gärtnerischen oder naturschützerischen Aufgaben betraut, sie an Tiere heranführt, die sie zu pflegen und zu betreuen haben, um das Gute, Konstruktive, Kreative und Soziale in ihnen zu streben und zu erwecken, denn es ist vorhanden.
Die kapitalistischen Regierungen haben Milliarden in die Rettung jenes Wirtschaftssystems investiert, das unsere Mitwelt in den Ruin befördert hat. „Wäre die Welt eine Bank, würdet ihr sie retten“ – skandierte Greenpeace. Der WWF stellte klar, dass wir zwei Erden bräuchten, wenn wir weiter am Raubbau/Wirtschaftswachstum festhalten wollten.
Wir haben Millionen Menschen, die arbeitslos, perspektivlos, heimatlos, einsam und sinnentleert sind und Jugendliche, die nicht wissen, weshalb sie eigentlich leben. Weshalb können wir diese brachliegenden Kräfte nicht aktivieren, um Tiere und Natur zu schützen, um durch diesen Dienst am Leben die Seelen dieser Menschen zu heilen?
Die Rettung der Welt und all ihrer Lebewesen ist nicht nur um ihrer selbst willen dringend erforderlich, sie ist auch deshalb geboten, weil die Welt in unserem Inneren in jenem Maße abstirbt und verarmt, wie wir die Welt und das Leben auf ihr zunichte machen.
Artikel 1 unseres Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Begriff „Würde“ leitet sich als Substantiv aus dem Verben „werden“ und „wurde“ ab. Wenn die Würde des Menschen also unantastbar ist, dann bedeutet dies nach meiner Definition, dass die artspezifischen Ansprüche, die ein Werden des Menschen zur Voraussetzung haben, von einem Staats- und Wirtschaftssystem nicht angetastet werden dürfen, sondern dass Politik (per Definition die Lehre vom Dienst an der Allgemeinheit) dazu verpflichtet ist, die Lebensbedingungen nach modernsten Erkenntnissen der Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Biologie, und Ökologie so zu gestalten, dass ein menschenwürdiges Leben und Gedeihen gewährleistet ist.
Wenn Hoper- Politiker im Zuge ihrer destruktiven weil antisozialen und lebensfeindlichen Politik sogar noch dafür sorgen, dass Kindern von null bis drei Jahren (also in der so entscheidenden oralinfantilen, den späteren Charakter prägenden Phase), die Mütter weggenommen werden, damit diese gefälligst zur Arbeit gehen, dann ist das nichts anderes, als wenn man Kälbern die Mutterkühe wegnimmt, um die Milch zu vermarkten. Beachten Sie meine Formulierung: Den Kindern wird etwas weggenommen, weniger den Müttern, denn die Kinder brauchen ihre Mütter existenziell, sie haben einen Rechtsanspruch auf ihre Mütter, um sich psychisch optimal entwickeln zu können, was Psychologen, Neurologen und Hirnforscher zweifelsfrei nachgewiesen haben. Selbst wenn es also gar nicht um die Natur und die Tiere ginge, sondern einzig um die Würde der Menschen, kann von menschengemäßer Politik in keinster Weise gesprochen werden. Und natürlich ist es auch nicht artgemäß, auf einer Welt leben zu müssen, die ruiniert und aus den Fugen geraten ist, in der noch immer Kriege geführt werden und in der Lug und Trug gegenüber den Massen an der Tagesordnung sind.
Und genau da hat die sogenannte Demokratie auch ihre Grenzen. Der demokratische Bürger ist ein Opfer der permanenten Manipulation durch Politik und Wirtschaft (letzteres durch Produktwerbung), er ist psychisch kaputt gemacht worden, er wurde pervertiert und wird es immer fort, um an eine Weltordnung angepasst zu werden, die wider der Natur ist, wider der menschlichen Natur ebenso wie wider der Natur unserer irdischen Biosphäre mit all ihren Lebewesen- und formen. Ich frage mich, ob der postmoderne Mensch überhaupt noch demokratiefähig ist und glaube, dass er es mehrheitlich eher nicht ist. Denn bedingt durch seine Pervertierung weiß er ja gar nicht mehr, was gut für ihn und die Welt ist, die er seinen Nachkommen hinterlässt.
1998 habe ich das letzte Mal Politikern und Parteien meine Stimme gegeben, obwohl ich an jeder Wahl teilgenommen habe. 1998 wählte ich so, wie die Mehrheit, nämlich rot-grün. Nachdem ich aber sehen musste, was insbesondere aus den Grünen in dem Augenblick geworden ist, in dem sie an der Regierung beteiligt wurden, beschloss ich, fortan „ungültig“ zu wählen. Seither schreibe ich in jeden Wahlschein folgende Losung:
„Keine der hier aufgeführten Parteien und Kandidaten hat sich mein Votum verdient!“ Solche „ungültigen“ Stimmabgaben werden gezählt. Im letzten Monat reichte ich eine Petition beim Bundestag ein, in der ich forderte, dem Wähler die Möglichkeit einer Stimmenthaltung auf dem Wahlschein einzuräumen, denn die Möglichkeit einer Stimmenthaltung wird in jeder Abstimmung eingeräumt, weshalb also nicht auch bei der Wahl?
Ungültig zu wählen bedeutet, dem Lügengeschäft der Politik und ihrer Prostitution um die Macht gesamtheitlich eine Absage zu erteilen. Nicht zu wählen ist hingegen ein Frevel am Prinzip Demokratie und wird immer gegen den Wähler ausgelegt mit dem Stichwort „Politikverdrossenheit“ – was immer das konkret sein soll.
Wir brauchen einen Neuanfang – das bisherige System hat komplett versagt – es war nie bestrebt, eine lebens- und liebenswerte Welt zu schaffen, in der es sich für alle Lebewesen lohnt, hineingeboren zu werden.
Jahrelang habe ich mich mit philosophischer Ethik befasst und einen eigenen egalitär- biozentrischen Ethikentwurf kreiert, die sogenannte Mitweltethik, die eine Konvergenz zur Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ des Albert Schweitzer darstellt.
Und immer wieder musste ich feststellen, dass meine Ausführungen zwar Applaus und verbale Zustimmung erfuhren, dass die Menschen danach jedoch kaum zu Verhaltensänderungen kommen konnten.
Inzwischen weiß ich, woran das liegt: Das Gehirn ist die Hardware, der Charakter entspricht der Software und die Ethik ist das Programm, das es zu installieren gilt. Leider passt nicht jedes Programm auf jede Software. Das was wir wollen, was Dr. Gruhl, Prof. Grzimek, Horst Stern, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer, Erich Fromm und andere wollten und wollen, ist auf der gängigen Software der meisten Menschen und dieses lebensverachtenden, auf Ausbeutung von Leben und grenzenlosen Wachstums ausgerichteten Systems nicht installierbar.
Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass diese Welt- und Werteordnung ja nicht einmal mehr anthropozentrisch ist, denn die tatsächlichen weil artspezifischen Bedürfnisse der Menschen werden von ihm ebenso wenig angestrebt, wie die des erwähnten Papageis von seinem Halter. Dies ist m. E. der Hauptgrund, weshalb sich die Menschen immer mehr in sich selbst zurückziehen und virtuellen und/ oder psychotischen Welten den Vorzug vor unserer Mitwelt geben.
Ich habe den Menschen – vor allem auch seine Kinder, die seiner egozentrischen, exzentrischen und narzisstischen Willkür in ähnlicher Weise ausgeliefert sind wie die Tiere, als letztes zu schützendes Tier auf die Agenda meiner Tierschutzarbeit gesetzt – zu schützen ist er vor einem Apparat, der sich längst verselbständigt und sich gegen ihn, seinen Schöpfer, gerichtet hat und den ich Mammonismus oder „den Tanz um das goldene Kalb“ nenne. Auf seinem Altar opfert er alles, die Lebewesen, die Existenzgrundlagen und sogar sich selbst – geradezu in autoaggressiv- perverser Manier.
Wohin es uns Menschen geführt hat, hochmütig, selbstherrlich und arrogant gegen alles zu sein, was aus unserer subjektiven Sicht fremd und andersartig ist, das haben wir heute vor Augen: Ein geplünderter, verseuchter und zerstörter Planet, eine gepeinigte und zur rechtlosen Biomasse degradierte Natur, gemarterte und entrechtete Tiere und hungernde, kranke, sich bekriegende Menschen.
Wir Menschen haben für materiellen Reichtum einen hohen Preis bezahlt, wir haben dafür eine belebbare, vielfältige und harmonische Welt zur Hölle gemacht und letztlich nichts dafür erhalten.
(Copyright 1993/ Peter H. Arras)
Es muss klar eingestanden werden, dass sich der Mensch in den letzten Jahrtausenden zwar bezüglich seines Wissenshorizontes, seines Intellektes und seiner technischen Möglichkeiten weiterentwickelt hat, nicht jedoch bezüglich Ethik und geistiger Reifung. Die Zunahme der Psychopathologien haben den Dekadenzpegel ansteigen lassen – wir drohen deshalb moralisch unter zu gehen.
Ich kenne die Menschen besser als mir lieb ist, weswegen ich bezüglich des längst überfälligen Quantensprungs kaum realen Grund zur Hoffnung sehe. Aber Nihilismus entspricht geistigem Selbstmord – man bliebe danach als leere Hülle, als untote Daseinsform zurück.
Die Hoffnung stirbt zuletzt – oder mit Martin Luther gesagt:
„Und wenn morgen die Welt untergeht,
so werde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Dieser Vortrag soll ein solches Bäumchen sein, und Sie, liebe Zuhörer, die Erde, in die ich es hiermit einzupflanzen versucht habe. Wir müssen neu denken, in Ecken die Lösungen suchen, wo wir bislang nicht gesucht haben. Wir müssen unsere Konservativität und Engstirnigkeit aufgeben. In den letzten Jahren habe ich versucht, den Aggressor, das „Monster der Evolution“ zu ergründen und zu verstehen. Ich habe viel gelernt, ein Patentrezept, das auch zeitnah umzusetzen wäre, in dieser Form aber noch nicht gefunden.
Ich lade alle mit dem Schutz des Lebens befasste Menschen und Gruppierungen dazu ein, gemeinsam weiter zu suchen und gemeinsam zu grübeln, wie wir das Ruder auf dieser Welt doch noch herumreißen können.
Die Lebensformel –
Über die Motive zum ethischen Leben und Wirken:
Ich kann, weil ich will.
Ich will, weil ich muss.
Ich muss, weil ich weiß.
Ich weiß, dass ich (nicht anders) kann.
(Copyright by Peter H. Arras)
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Wenn das Leben auf dieser Erde weiter bestehen soll, braucht sein Feind neue Werte, um es am Leben zu lassen, um mit ihm leben zu lernen, um sein Freund zu werden. (Peter H. Arras)
Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit und hoffe auf fruchtbare Gespräche im Anschluss, während der bis morgen andauernden Jahrestagung und hoffentlich darüber hinaus.
ENDE
Copyright by Peter H. Arras/ September 2009
INSTITUT FÜR MITWELTETHIK
AKT- AKTION KONSEQUENTER TIERSCHUTZ
gemeinnützige Gesellschaft mbH
http://www.akt-mitweltethik.de
info@akt-mitweltethik.de

Das ist Ethik:
Macht und Möglichkeit, nicht zu missbrauchen,
Mühe, Hilfe und Umsicht als Selbstverständlichkeit anzunehmen;
Pflicht und Verzicht höher zu bewerten als das Einfordern eigener Rechte.
Selbst zu opfern statt Opfer zu fordern;
das Leben als heilig und die Wahrheit als Gesetz anzuerkennen;
dies sind die Fundamente ethisch motivierten, menschlichen Verhaltens innerhalb der Mitwelt!
(Peter H. Arras 17.03.1994)
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