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Von den Grenzen der Erde her denken und handeln
Nach einem neuen Konzept für Nachhaltigkeit des Stockholm Resilience Centre wirtschaftet die Menschheit so, als ob die Erde keine Grenzen hätte. Damit unsere Zivilisation nicht in höchste Schwierigkeiten gerät, plädieren Wissenschaftler des besagten Centres in der Zeitschrift „Nature“ vom 23. September 2009 dafür, Grenzen zu setzen, bis zu denen wir unseren Planeten beanspruchen dürfen.
Im deutschsprachigen Raum dürfte das Erinnerungen wecken. Denn schon 1975 schrieb Herbert Gruhl in “Ein Planet wird geplündert”, daß die Menschheit mit ihrem Wirtschaftswachstum an die Grenzen der Erde stoße. Sich an diesen zu orientieren forderte Herbert Gruhl 1975 in „Ein Planet wird geplündert“ und nannte das die “planetarische Wende”:
„Nicht mehr der Mensch bestimmt den Fortgang der Geschichte, sondern die Grenzen dieses Planeten Erde legen alle Bedingungen fest für das, was hier noch möglich ist... Diese totale Wendung bedeutet, daß der Mensch nicht mehr von seinem Standpunkt aus handeln kann, sondern von den Grenzen unserer Erde ausgehend denken und handeln muß.“ (Klappentext)
Vor diesem Hintergrund besehen ist es keine neue Nachricht, was da aus Stockholm kommt. Vielmehr kehrt eine alte Forderung wieder, die trivial erscheinen mag. Aber es ist nie trivial, an Trivialitäten von fundamentaler Bedeutung gegen Theorien zu erinnern, die dieser Bedeutung nicht gerecht werden.
Die Aufgaben freilich bleiben gewaltig, auch wenn man sie auf die Schlüsselbereiche Klimawandel, Landnutzung, Meeresversauerung, Stickstoff- und Phosphoreinsatz in Düngemitteln, Wasserverbrauch, Umwelt- und Luftverschmutzung sowie das Artensterben reduziert. Denn die Bevölkerungsentwicklung und die zivilisatorischen Ansprüche Pro-Kopf unterliegen noch immer einer Dynamik, der gegenzusteuern nicht so leicht ist wie die von Johan Rockstöm im Deutschlandfunk zweckoptimistisch erwähnte Umstellung von FCKW auf ozonfreundlichere Treibmittel.
Weniger zweckoptimistisch ergibt sich das Bild, daß 35 Jahre verschlafen wurden und die Grenzen der Erde überschritten sind, wenn sie nach Angaben des WWF mindestens um den Faktor zwei überbeansprucht wird. Um das zu ändern, müßte vor allem die Bevölkerungsentwicklung eine größere Beachtung finden als bisher auf den Klimakonferenzen. Das betrifft auch die wohlhabenden Länder mit ihren besonders hohen zivilisatorischen Pro-Kopf-Ansprüchen, wo am lautesten nach höheren Geburtenraten gerufen wird. Wie soll man anderen eine geringe Geburtenrate als sinnvoll nahelegen, wenn man selbst mit einer solchen nach einer höheren schreit?
Einfache Lösungen gibt es nicht, aber die Aufforderung zur Ehrlichkeit.
(V. Kempf, 23.10.2009)
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