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Geburten

Geburtenzahlen in Deutschland
Der Abschied vom Wachstumsdenken fällt schwer, ist aber unausweichlich

Immer muß alles wachsen, die Wirtschaft, die Finanzen, die Geburtenzahlen. Wohin das alles wachsen soll, fragt keiner. Dabei ging schon das vielbeschworene Wachstum der Wirtschaft mit wachsenden Schulden einher. Denn alles hat seinen Preis, wenn man nachhelfen will. Das Wachstum der Finanzwirtschaft quasi aus dem Nichts platzte bereits wie eine Blase. Und wenn einmal wie bei der Geburtenrate nicht viel wächst, wird das gleich als großes Problem angesehen, da sind sich Ursula von der Leyen und ihre Kritikerinnen und Kritiker einig. Entsprechend ist der Jubel groß, wenn von 2006 auf 2007 die Zahl der Geburten um 1,8 Prozent zunahm beziehungsweise die Geburtenrate pro Frau von 1,35 in 2006 auf 1,37 in 2007. Die Zahlen für 2008 blieben indes stabil, wie das Bundesamt für Statistik meldet. Das sei „kein Grund zur Euphorie“, sagte die Familiensoziologin Uta Meier-Gräwe, die von der Leyen berät, im MDR.

Wozu euphorisch werden, wenn die Geburtenrate steigt? Die Altersvorsorge wird oft genannt. Aber einen hohen Anteil alter Menschen zu versorgen und obendrein durch eine höhere Geburtenrate auch mehr Kinder, ist für die arbeitende Bevölkerung eine Doppelbelastung. Da wird man sich schon andere Modelle der Altersvorsorge einfallen lassen müssen.

Eine andere, ansonsten meist unausgesprochen bleibende Antwort nennt Günter Rohrmoser (1927-2008), wenn er in seinem 2008 erschienenen Buch Kulturrevolution in Deutschland. Philosophische Interpretationen der geistigen Situation unserer Zeit für die Bedeutung der Geburtenzahl auf den „vital-biologischen Bestand“ eines Volkes verweist. Aber die Deutschen sind nicht vom Aussterben bedroht wie so manche Vogelart. Es gibt je nach Definition 75 bis 150 Millionen Deutsche, in Deutschland zwischen 60 und 75 Millionen. Deutschland ist auch nicht so groß, daß sich diese Millionen von Deutschen in der Weite des Landes verlieren könnten. Deutschland ist dicht besiedelt. Man beachte nur das Gedränge in den Städten, in U-Bahnhöfen, auf den Autobahnen oder auf Weihnachtsmärkten.

Worum geht es also? Wohl eher um die unausgesprochene Befürchtung, daß Deutschland im „Kampf der Kulturen“ ins Hintertreffen geraten könnte und wir Deutschen unsere Heimat als erlebten Ort der Kindheit einbüßen. In Berlin-Kreuzberg und Duisburg-Marxloh haben sich Fremde für sich heimisch eingereichtet und befremden damit einheimische Deutsche. Bei einer geringen Geburtenrate der Deutschen wird sich das Phänomen nur ausweiten können. Gibt man das zu, wirft das die Frage nach der Zuwanderung auf, die über Jahrzehnte durchaus großzügig beantwortet wurde. Das hat sich schon erkennbar geändert. Dennoch bleibt die Angst, daß Schulen mit hohem Ausländeranteil auch für Deutsche zu Problemanstalten werden. Dies ist nicht einfach von der Hand zu weisen. Ist das aber nun ein Problem der Geburtenrate der Deutschen? Der Soziologe Karl Otto Hondrich (1927-2007) meint in seinem 2007 postum erschienenen Buch Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist, das Hauptproblem sei der Arbeitsmarkt. Denn ist die Arbeitsmarktlage günstig, sind Ausländer leicht zu integrieren. Aber es geht auch nicht nur um Integration, sondern um Akkulturation, um das Hineinwachsen einer Person in seine kulturelle Umwelt. Eine fremde Kultur wirkt auch auf die deutsche Kultur verändernd. Im Wesentlichen verändern sich aber die eingewanderten Menschen aus anderen Kulturen, was häufig zu Konflikten in deren Familien führt. Der Vorgang der Akkulturation dauere, so Hondrich, etwa drei Generationen. Aber die Arbeitsmarktlage ist nicht günstig, eine niedrige Geburtenrate durch Zuwanderung zu kompensieren wären schon daher enge Grenzen gesetzt. Eine höhere Geburtenrate der Deutschen erscheint da vielen wie ein Silberstreif am Horizont. Doch ist das eher ein bescheidener Beitrag dazu, die Mehrheitskultur zu behaupten. Darum geht es beim magischen Blick auf die Geburtenrate, wenngleich meist unausgesprochen. Aber welchen Einfluß hat die Familienpolitik auf die Geburtenrate überhaupt?

Die Fertilitätsrate, also die statistisch ermittelte Zahl der lebendgeborenen Kinder pro Frau, ist seit dem Greifen der Familienpolitik von der Leyens leicht angestiegen. Das Statistische Bundesamt erklärt hierzu zur Jahreswende 2007/2008 in der Schrift Geburten in Deutschland (unter: www.destatis.de), daß die leicht gestiegene Geburtenrate für 2007 nur mehr ein „Nachholeffekt“ für einen vorangegangenen Ausreißerwert nach unten sei, also nicht eine Folge aktiver Bevölkerungspolitik. Das spricht für die Annahme Hondrichs, daß der Einfluß des durch die Familienpolitik umverteilten Geldes auf die Geburtenrate nur gering ist.

Dies wiederum wirft die Frage auf, ob der Streit zwischen der Familienpolitikerin von der Leyen und ihren Kritikerinnen wie Christa Meves oder Eva Herman bezüglich der Geburtenrate nicht vergeblich ist. Die Faktoren, die sich auf die Geburtenrate auswirken sind höchst spekulativ oder aber nur schwer beeinflußbar. So wirken sich strukturelle Änderungen wie die Verstädterung aus. Die Finanzsituation von Müttern und die gewandelte Wertschätzung der Hausarbeit und Mutterschaft sind in ihrer Wirkung mehr vermutet als erwiesen. Letztlich ist zu betonen, daß sich das Zeugungsverhalten und deren Änderungsmöglichkeiten der direkten Einflußnahme durch Regierungen entzieht.

Es können noch Erfahrungen aus anderen Ländern wie Finnland, Schweden oder Island ausgewertet werden, wo schon länger die Familienpolitik den Krippenbesuch von Kindern auch unter drei Jahren begünstigt, aber die Selbstbetreuung durch Mütter hingegen nicht. In den besagten Staaten liegt die Nutzungsrate für Krippenplätze deutlich höher als in Deutschland, die Fertilitätsrate zwischen 1,7 und 2,0 Kinder je Frau. Das spricht mehr für Ursula von der Leyen als ihre Kritikerinnen und Kritiker, die sich nur noch auf den Standpunkt zurückziehen können, daß das Zustandekommen einer Fertilitätsrate zu komplex ist und die Verhältnisse in den jeweiligen Ländern strukturelle Unterschiede aufweisen, also nicht übertragbar sind. Wer will, kann diesen Rückzug antreten, übersieht dann aber leicht, was besonders bemerkenswerter ist: daß es gerade auch in Schweden mit Anna Wahlgren eine ähnliche Stimme wie jene von Christa Meves gibt, wonach die weitgreifende Krippenpolitik frustrierte Kinder und Jugendliche hervorgebracht hat.

Für die Vitalität eines Landes ist mit der Krippenpolitik sowohl in Schweden als auch in Deutschland nicht viel gewonnen. Im Gegenteil, weniger, aber gesunde Kinder sind besser als mehr, aber aggressive, suchtanfällige und konzentrationsschwache Kinder durch eine zu frühe Fremdbetreuung. Das ist entscheidend, nicht ob die Geburtenrate ein wenig steigt, sinkt oder verharrt wie sie ist. Das heißt für eine philosophische Interpretation der geistigen Situation unserer Zeit nichts anders, als einen Abschied vom Wachstumsdenken für notwendig zu erachten. Wachstum kann nicht alles sein, sondern die gesunde Entwicklung der Kinder muß im Vordergrund stehen. Die Finanzkrise sollte ein Beispiel genug dafür sein, daß ein übersteigertes Wachstumsdenken mit all seinen zu Grunde liegenden Ängsten ein schlechter Ratgeber ist und zu praktischen Problemen führen kann. Die Kritikerinnen und Kritiker von der Leyens spielen mit dem Hilfsargument Geburtenrate einer durchaus diskussionswürdigen Familienpolitik in die Hände.

(V. Kempf, 1.3.09)

 

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