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Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V.

Folgende Rede zu den Ereignissen in Fukushima und der Diskussion um Folgerungen für die Atompolitik erreichte uns am 21. März, die wir an dieser Stelle gerne zur Lektüre geben:

“Fukushima ist überall”

Rede von Dr. Ralf Grünke bei der Anti-Atom-Mahnwache in Nidderau am 21. März 2011

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

 

In über 670 Orten in allen Teilen unserer Republik halten Menschen genau zu dieser Stunde Mahnwachen ab und folgen so dem Aufruf der Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“ sowie des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Wenn ich Sie heute Abend hier auf dem Marktplatz in Windecken begrüße, dann jedoch nicht im Namen einer bestimmten Organisation. Diese Mahnwache wurde nicht im Auftrag eines Vereins oder gar einer Partei angemeldet. Wir kommen hier als Bürgerinnen und Bürger zusammen und organisieren uns in dieser Sache selbst. Es ist das Entsetzen über das unfassbare Leid in Japan, das uns nicht ruhen lässt. Die Sorge um unsere eigene Sicherheit angesichts einer Technik, deren Unbeherrschbarkeit uns derzeit Tag für Tag in Fernsehbildern vor Augen geführt wird, treibt uns auf die Straße.

 

Unserer Betroffenheit wollen wir zu Beginn unserer Mahnwache mit einer Schweigeminute Ausdruck verleihen. Wir gedenken dabei nicht nur derjenigen, die unter dem Atomunfall in Fukushima zu leiden haben und in den kommenden Jahrzehnten noch zu leiden haben werden, sondern auch allen Opfern des verheerenden Erdbebens und des Tsunamis in Japan.

 

[Schweigeminute.]

 

Vielen Dank. Ein schweres Erdbeben hat den Nordosten Japans verwüstet. Ein Tsunami hat Dörfer und Städte einfach weggespült. Tausende haben ihr Leben verloren. Hundertausende sind obdachlos. Millionen haben keinen Strom. Alte Frauen suchen in Trümmern nach Essbarem, Männer nach Brennmaterial für Lagerfeuer. Kindern steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Die Folgen der schweren Explosionen und Brände im Atomkraftwerk in Fukushima sind noch nicht absehbar.

 

Die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln wächst. Inzwischen steht fest, dass Milch, Spinat, Raps und auch das Trinkwasser belastet sind. Das japanische Gesundheitsministerium rief heute die Einwohner eines Dorfes etwa 30 Kilometer nordöstlich von Fukushima dringend dazu auf, kein Leitungswasser zu trinken. Nun drohen wechselnde Winde radioaktive Wolken über die japanische Hauptinsel Honshu zu treiben.

 

Wir hören von Fortschritten bei der Kühlung der Reaktoren. Ein Hoffnungsschimmer! Vielleicht bleibt den Menschen in Japan eine größere Katastrophe doch noch erspart. Gleichzeitig meldeten die Medien heute, dass über dem Reaktor 3, in dessen Brennelementen sich hochgefährliches Plutonium befindet, grauer Rauch aufgestiegen sei. Die Arbeiter mussten daraufhin die Anlage verlassen und wurden laut Aussage der Betreibergesellschaft in Sicherheit gebracht.

 

„Fukushima steht für die verlorene Wette, mit der die Menschheit die Kräfte der Natur und der Physik herausforderte.“, wie der SPIEGEL heute schreibt.

 

Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Arbeitern, bei der Feuerwehr, bei der Polizei, bei den Soldaten – bei all denjenigen, die jetzt vielleicht ihr Leben opfern, um den GAU zu verhindern. Und natürlich bei den Millionen Japanern, die bis heute nicht wissen, welche Gesundheitsgefahren noch auf sie zukommen werden.

 

Die deutsche Atomlobby wirft Kernkraftgegnern nun vor, sie spielten mit den Emotionen der Menschen und schlachteten das Reaktorunglück in Nordostjapan ideologisch aus. Doch wer 25 Jahre nach Tschernobyl und mit den Bildern aus Japan vor Augen immer noch nicht begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat, der hängt einer menschenverachtenden Ideologie an.

 

Fast zwei Drittel der Deutschen wollen laut einer aktuellen Umfrage den schnellen Atomausstieg. Politiker, die sich noch vor einer guten Woche als Schutzheilige der deutschen Atomwirtschaft aufspielten, proben inzwischen die verbale Rolle rückwärts. Ungewohnt liest sich auch die folgende Passage aus der Rede eines CDU-Abgeordneten im Plenum des Deutschen Bundestages:

 

„Die nächsten Jahre werden nicht nach den völlig unrealistischen Wunschvorstellungen verlaufen, die auch heute hier wieder vorgebracht worden sind. Um Schlimmeres zu verhüten, sollte ein unbefristetes Moratorium für Kernkraftwerke beschlossen werden. Während dieser Zeit sollten zukunftsträchtige und Arbeitsplätze schaffende Arten der Energie gefördert werden, die unser Land nicht heute zu einem atomaren Pulverfass machen und künftige Generationen unabsehbar belasten, wozu wir heute überhaupt kein Recht haben.“

 

Schade nur, dass dieses Zitat nicht aus dem Jahr 2011 stammt, sondern aus dem Jahr 1977. Schade nur, dass damals, vor 34 Jahren und neun Jahre vor der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, keine der Bundestagsparteien auf den damaligen CDU-Abgeordneten Dr. Herbert Gruhl hören wollte. Schade nur, dass Gruhls heutige Parteifreunde mit dem Begriff „Moratorium“ etwas ganz Anderes meinen als er damals. Schade nur, dass keine Bundesregierung seit 1977 den Atomausstieg mit aller Konsequenz in Angriff genommen hat. Stattdessen haben wir eine Geschichte der verpassten Chancen erlebt.

 

Den unter dem Kanzler Schröder beschlossenen sogenannten „Atomausstieg“ bezeichnete die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW damals als „erfolgreichstes Täuschungsmanöver der rot-grünen Bundesregierung“. Der BUND sprach von einem „Garantievertrag für die weitere Nutzung der risikoreichen Atomenergie“. Im Schröderschen Energiekonsens wurde der Atomwirtschaft nämlich zugesagt, noch einmal so viel Atomstrom und noch einmal so viel hochgefährlichen Atommüll produzieren zu dürfen wie in der gesamten Geschichte der atomaren Stromerzeugung in Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt. Das nenne einen „Ausstieg“ wer will.

 

Die schwarz-gelbe Bundesregierung will die sieben ältesten deutschen Meiler vorübergehend vom Netz nehmen. Ja, das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir begrüßen ihn. Wir unterstützen die Kanzlerin darin. Aber wir lassen uns nicht für dumm verkaufen!

 

Schwarz-Gelb hat die ohnehin viel zu großzügig festgelegten Laufzeiten erst im November noch zusätzlich verlängert und kommt nun plötzlich im Büßergewand daher, um diese Verlängerung gerade einmal drei Monate lang auszusetzen. Für fast 70 Prozent der Deutschen steht fest: Das ist nichts anderes als wahltaktisches Geplänkel!

 

Frau Merkel, Herr Röttgen, Herr Brüderle, sollten Sie diese Worte aus unserem beschaulichen Nidderau erreichen: Wir werden nicht locker lassen, bis ein wirklicher Atomausstieg unter Dach und Fach gebracht ist! Wir dulden keine Beschwichtigungen mehr! Und wir sind nicht alleine.

Vermutlich gehen am heutigen Tag so viele Menschen gegen Atomenergie auf die Straße wie noch nie zuvor in der Geschichte dieses Landes. Das ist ein deutliches Zeichen!

 

Fukushima ist überall! Jetzt ist es Zeit für den Ausstieg aus der unverantwortlichen Atomenergie! Wir wollen und werden nicht solange warten, bis sich ähnliche Schreckensszenarien wie in Japan auch bei uns abspielen.

 

Vielen Dank.

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